Was Zgorzelec und Görlitz verbindet

(siehe auch Zgorzelec und Görlitz)

Die naheliegende Antwort auf die Frage nach dem Verbindenden zwischen den beiden Neißestädten wäre: die Europabrücke. Sie verbindet Görlitz‘ Altstadt mit dem Zgorzelecer Ufer und gilt, anläßlich des EU-Beitritts Polens 2004 errichtet, als Symbol für das Zusammenwachsen beider Städte zur „Europastadt“. Doch sie ist eine Verbindung zwischen Ungleichem, eine Verbindung von Reich zu Arm, von Sieger zu Besiegtem, geradezu von Herr zu Diener. Denn Deutsche, die diese Brücke überqueren, kommen, um in den polnischen Restaurants günstig und von Polen selbstverständlich auf Deutsch bedient, zu essen, aus keinem anderen Grund. Vom wahren polnischen Zgorzelec können sie da nichts sehen. Die Europabrücke ist, so sehr jede Brücke zu begrüßen ist, ganz wie die Bezeichnung Europastadt ein Mittel zur Verschleierung der wahren Machtverhältnisse zwischen Polen und dem vergrößerten Deutschland. An dieser Situation ändert auch nichts, daß selbstverständlich Polen über die Brücke nach Görlitz kommen, um dort zu arbeiten oder einzukaufen, und daß es selbstverständlich auch in Görlitz viele Menschen mit einem wirklichen Interesse an ihren Nachbarn gibt, Menschen, die polnisch lernen, kulturelle Kontakte pflegen, Jugendprojekte organisieren. Was das offizielle Görlitz von Zgorzelec denkt, lese man am Platz ab, den es ihm auf dem Stadtplan, den man in der Touristeninformation bekommt, zugesteht.

StadtplanGörlitz

Die wirkliche Verbindung, der einzige Ort, wo noch spürbar ist, daß Zgorzelec und Görlitz einmal eine Stadt waren, ist ein Park, Stadtpark westlich und Park Miejski (Stadtpark) östlich der Neiße geheißen. Er beginnt in Görlitz mit weiten, von alten Bäumen gerahmten Wiesen und zieht sich dann in intimeren Wegen zwischen riesigen Rhododendronsträuchern und in einem terrassierten Rosengarten den Hang zum Fluß hinab. Dort steht die Stadthalle, das erste der beiden den Park prägenden Bauten. Sie ist fast auf Uferhöhe, aber ihr Eingang ist höher an der zur Brücke führenden Straße gelegen.

StadthalleGörlitz

Sie ist ein letztlich sehr simples, funktionales Gebäude, das aus einem Sockel und einem darauf zurückgesetzten Saaltrakt besteht. Die gewählte Ornamentik unterstützt diese Klarheit in gewissem Maße, sie hat etwas Assyrisches, Babylonisches, das vom Jugendstil, dem man sie zuordnen könnte, schon zum Art Déco der Zwanziger vorausweist, was nicht weit, aber ungewöhnlich weit ist. Sphinxen, Phönixe, Obelisken kommen als passende Skulpturen hinzu, aber sparsam eingesetzt.

StadthalleGörlitzFront

Doch daneben gibt es Putten und Amphoren, die das Stilprogramm auf bizarre Weise durchbrechen. Man kann nur spekulieren, daß der Auftraggeber das Gebäude zu streng fand und deshalb verspielteren, der erhofften Fröhlichkeit der Tanzveranstaltungen angepaßten Schmuck hinzufügen ließ. Dennoch ist die Stadthalle einer der seltenen Bauten der Kaiserzeit, dem man Qualitäten abgewinnen kann. Daß gerade sie leersteht, sagt Trauriges über Görlitz.

Jenseits der Neiße setzt sich der Park fort, doch die fußläufige Verbindung ist leider nicht sehr klar. Von den Uferwiesen zieht sich der Park mit waldartigem Baumbestand den Hang hinauf. Dort steht das Dom Kultury (Kulturhaus) von Zgorzelec.

DomKulturyVertrag

Es ist ein typischer wilhelminischer Protzbau, quadratisch, mit antikisierender Säulenordnung und Kuppel, eigentlich nichts anderes als eine verkleinerte Version des Reichstags in Berlin oder des Reichsgerichts in Leipzig.

Aus Müller, Hans: Neostile - Kunst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Leipzig 1979

Aus Müller, Hans: Neostile – Kunst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Leipzig 1979

Die Skulpturen beim Eingang sind Werke eines monumentalen präfaschistischen Jugendstil, der auch das Leipziger Völkerschlachtdenkmal prägt. Innen

DomKulturyInnen

ganz wie außen ist es, auch wenn die Kaiserskulpturen durch einen Spiegel ersetzt wurden, ein Gebäude, das den Menschen klein machen und erniedrigen will. Polen gab diesem Monstrum, das vorher nichts anderes als Feier des Wilhelmismus war, als Kulturhaus immerhin eine Funktion.

Es ist aber gerade das Dom Kultury, das ein Symbol für die Verständigung nicht nur zwischen Zgorzelec und Görlitz ist. Hier nämlich wurde 1950 zwischen der Volksrepublik Polen und der DDR der Vertrag über die Oder-Neiße-Friedensgrenze unterzeichnet, mit dem die Beschlüsse des Potsdamer Abkommens von einem polnischen und einem deutschen Staat umgesetzt wurden.

Am 6. Juli 1950 wurde in diesem Gebäude der Vertrag zwischen der Volksrepublik Polen und der Deutschen Demokratischen Republik über die Markierung der festgelegten und bestehenden Grenze zwischen beiden Ländern an der Oder und der Lausitzer Neiße als unantastbare Grenze des Friedens und der Freunschaft unterschrieben Zgorzelec 6. Juli 1955

Am 6. Juli 1950 wurde in diesem Gebäude der
Vertrag
zwischen der Volksrepublik Polen und der Deutschen Demokratischen Republik über die Markierung der festgelegten und bestehenden Grenze zwischen beiden Ländern an der Oder und der Lausitzer Neiße als unantastbare Grenze des Friedens und der Freundschaft unterschrieben
Zgorzelec 6. Juli 1955

Hier geschah also nicht weniger als die Sicherung des Friedens in Europa, hier wurde einer der entscheidenden Schritte zur Ausschaltung des deutschen Imperialismus getan und damit einer der Grundsteine für die gesamte gegenwärtige Weltordnung gelegt. So wird das Gebäude fast egal, verschwindet hinter seiner Bedeutung als Ort eines der schönsten und wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts.

Für Görlitz und Zgorzelec bedeutete das die Möglichkeit eines gleichberechtigten Miteinanders als befreundete, aber verschiedene Städte. Die Möglichkeit ist vertan, seit 1980, als in Polen die Konterrevolution drohte, und spätestens seit 1989, als sie überall siegte. Bleibt der Park, der sich vom Dom Kultury noch weit erstreckt, Teiche umspielt, weiter den Hang aufsteigt. Ist es auch ein polnisch-deutscher Park, so bleiben doch Deutsche und Polen zumeist in ihrem Teil. Wenn sie sich aber träfen, so in wenigstens scheinbarer Gleichberechtigung, als Spaziergänger, küssende Pärchen, Trinker, Jogger. Um das zu ermöglichen, sollte neben der Autobrücke eine weitere Fußgängerbrücke von Park zu Park errichtet werden. Da die Städte eine nach Europa und eine nach nach einem polnischen Kirchenchef benannte Brücke schon haben, sollte sie Bierut-Pieck-Brücke, Grotewohl-Cyrankiewicz-Brücke, Brücke der Friedensgrenze, Friedensbrücke oder wenigstens Parkbrücke heißen. Bald wird das nicht geschehen.

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4 Gedanken zu „Was Zgorzelec und Görlitz verbindet

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