Wiener Gebäude und die Kunst: Das Wien der Zukunft im Jahre 1968

„Kunst am Bau“ gibt es viele und meist handelt es sich dabei um genau das, was dieses unschöne Wort aussagt: beliebige Kunst, die auf beliebige Art an einem beliebigen Bau angebracht ist. Nur selten findet man Kunst, die wirklich in einen Bezug zu dem Gebäude, das sie trägt, oder der Umgebung, der sie sich zuwendet, steht. In dieser Reihe sollen in loser Folge besonders positive oder besonders negative oder sonstwie bedeutende Beispiele von Kunst an Wiener Gebäuden dargestellt sein. Siehe auch Dampfschiffe in Aspern und Hände in Margareten.

Bilder der Stadt der Zukunft sind immer langweilig, da es so leicht ist, sie zu malen und so unendlich schwer, diese Stadt wirklich zu bauen. Darüber, wie eine Zeit ihre Zukunft sah, sagen diese Bilder immerhin etwas aus und wenn man sie in alten Zeitschriften oder Büchern sieht, mag man sie also interessant finden. Etwas ganz anderes ist es, wenn die Stadt selbst einem in ihrem öffentlichen Raum mit einem Kunstwerk erzählt, wie sie einmal werden wollte, denn alles, was öffentlich ist, ist sofort wichtiger und wertvoller. Zudem wird das bloße Bild verstärkt durch den Kontrast zu den Straßen, durch die man kam bevor man es fand.

Um ein solches Kunstwerk handelt es sich bei dem Mosaik am Haus 27 der Rainergasse in Wiens 4. Bezirk.

Mosaikrainergasse27Detail

Was man zuerst für eine beliebige Zukunfststadtszene halten mag, erkennt man rasch als Wien, da etwas rechts der Mitte unverkennbar der Stephansdom ist.

MosaikStephansdom

Er ragt ganz wie heute beim Blick vom Belvedere aus einem Häusermeer, doch die Stadt ringsum ist eine ganz andere. Vom unteren linken Rand zieht sich eine riesige Autobahn als langer Streifen schräg nach rechts, wo sie in einem Tunnel beim Leopoldsberg verschwindet, und von ihr gehen zu beiden Seiten weite Autobahnschlingen aus, die rechte um den Stephansdom. Überall in der alten Stadt erheben sich hohe Hochhäuser und die Dächer von zweien sieht man im Vordergrund. Während rechts schon ein zweirotoriger Hubschrauber gelandet ist, befindet sich links einer im Landeanflug und kleine Gestalten winken ihm zu.

MosaikHelikopter

In eine Stadt, die sehr deutlich Wien ist, sind also Straßen und Hochhäuser gesetzt, die in ihrer Maßstablosigkeit nicht konkrete Pläne, sondern Symbole für den neuen Verkehr und die neue Architektur, die die Stadt verändern, sind. Innerstädtische Autobahnen bekam Wien nie und auch Hubschrauberverkehr von Hochhausdach zu Hochhausdach gibt es keinen, aber bemerkenswerter als die Unterschiede zwischen dieser Zukunfstvision und der Zukunft sind die Gemeinsamkeiten. So gibt es jenseits der Donau, ganz links oben im Bild, tatsächlich viele Hochhäuser

HochhäuserDonau

und einige der Hochhäuser abseits der Autobahn, die unten in geschwungenen Terrassen breiter werden, erinnern sehr an die, die später in Alterlaa, weit außerhalb des Zentrums, gebaut wurden.

HochhäuserQuasiAlterlaa

Strahlend wie je prangt dieses Mosaik des zukünftigen Wien auf der nunmehr dreckig schwarzen Fassade eines Gebäudes, das schon zu seiner Erbauungszeit (1967/68) in jeder Hinsicht banal und fern jeglicher Zukunft war. Es teilt sie sich mit zwei weiteren Mosaikfeldern. Das weiter unten angeordnete zeigt eine Szene des alten Wien, den Bereich um die die Rauchfangkehrerkirche, die in der Mitte der nahen Wiedner Hauptstraße stand und 1965 als Verkehrshindernis abgerissen wurde. Hier hat sich der Künstler (Franz) Molt unterschrieben. Das weiter oben angeordnete zeigt eine Sonne.

MosaikRainergasse27

Sicherlich wird dieses Mosaik so wenig beachtet wie all die anderen Mosaike, Wandbilder, Reliefs, die an so vielen der nach 1945 errichteten Gebäude so ungeschickt angebracht sind, aber geschähe das doch einmal, könnte es doch zu einer genaueren und kritischeren Betrachtung der Stadt, der weiteren Straßen, führen. Für öffentliche Kunst, bürgerliche zumal, ist das keine kleine Leistung, wenn auch jedes kleinste bauliche Bemühen um ein neues Wien wichtiger war.

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