Zgorzelec

(siehe auch Görlitz und Was Zgorzelec und Görlitz verbindet)

Deutsche neigen dazu, die westpolnische Stadt Zgorzelec von Görlitz aus zu betrachten, bloß weil beide bis 1945 eine Stadt gebildet hatten. Dann kann der Blick leicht etwas Paternalistisch-Mitleidiges bekommen: Oh, das arme Zgorzelec, von der schönen Altstadt hat es so gar nichts abbekommen, überall nur schäbiger Plattenbau und schäbigere Mietskasernen. Das ist nicht völlig falsch, insbesondere, was das heutige Zgorzelec betrifft. Aber der germanozentrische Blick von westlich der Nysa (Neiße) macht es unmöglich, etwas zu sehen, was Zgorzelec vielleicht nie war, aber auf jeden Fall sein wollte: eine Stadt, die mehr ist als ein bloßer Wurmfortsatz des deutschen Görlitz, eine polnische und sozialistische Stadt. Will man diese entdecken, so ist schon geographisch eine andere Herangehensweise nötig. Man muß sich Zgorzelec von Osten nähern, von seinen Bahnhöfen aus, idealerweise aus Wrocław ankommend.

Der erste und größere der Bahnhöfe heißt Zgorzelec Miasto. Schon der Name ist eine Deklaration: Zgorzelec Stadt. Er liegt ganz im Osten, am Rande der Stadt, aber darin kann nur derjenige einen Widerspruch zum Namen erkennen, der Zgorzelec nicht ohne Görlitz denken kann. Das Bahnhofsgebäude war als Aushängeschild des zu entdeckenden neuen Zgorzelec gedacht: Zu den Gleisen hin, die in einem Einschnitt weit unterhalb der Straßenebene liegen, drei Geschosse auf aus der Wand vorragenden Stützen,

BahnhofZgorzelecUnten

zum weiten Vorplatz hin ein verglaster Saal, der über dem Eingang als Vordach ein vor dem Glas schwebendes und dessen Transparenz noch betonendes monolithisches Betonelement hat.

BahnhofZgorzelecOben

Bezeichnenderweise ist dieses stolze Gebäude heute eine Ruine (ein Bild aus besserer Zeit gibt es hier).

So in Zgorzelec angekommen, darf man, wenn man eine einmal potentiell gewesenen Stadt entdecken will, nicht den Fehler machen, sich zur größeren Straße links, wo McDonald’s, Biedronka und Kaufland locken, zu wenden. Auch das kleine Wohngebiet auf deren anderer Seite sollte man vorerst ignorieren und das, obwohl dort zwischen sechsgeschossigen Punkthäusern ein Park, der vielleicht schönste der Stadt, ist, dessen weidenumstandenen Teich sich einige stilsichere schwarz-weiße Reiherenten zur Heimat erwählt haben.

TeichZgorzelec

Stattdessen muß man seine Schritte nach rechts wenden.

Mit einem Hügel so weit oberhalb der Bahngleise, das man sie auch vergessen würde, wenn noch lautere Züge auf ihnen führen, beginnt die zentrale Grünachse eines Wohngebiets. Auf dem Hügelplateau, um das spiralförmige Wege verlaufen, wäre der geeignete Platz für ein sowohl Polen als auch dem Sozialismus würdiges Denkmal, aber das gab es wohl nie. Was es noch gibt, ist die Freilichtbühne am Rand, heute so heruntergekommen und ungenutzt wie das Bahnhofsgebäude.

FreilichtbühneZgorzelec

Auf der Grünachse geht man westwärts, aber, das muß man sich bewußt machen, nicht in die Stadt hinein, sondern durch sie hindurch. Die meisten Gebäude des Wohngebiets sind viergeschossig, erst recht regelmäßig quer zur Achse und dann lockerer nach rechts hin angeordnet. Aber ab dem Frühling sieht man vor sich nur einen Tunnel von Grün.

GrünachseZgorzelec

Kurz vor der nächsten größeren Querstraße ist der Bereich rechts dann in eine Handvoll sechsgeschossiger Punkthäuser aufgelöst. Es folgt das Wohngebietszentrum, entlang der Straße bloß. Aber wenn man von dieser aus über das Vordach, das über einem winzigen runden Kiosk beginnt und sich dann vor einen Flachbau schwingt, hinwegsieht, merkt man, daß die Punkthäuser trotz ihrer geringen Höhe eine markante Silhouette bilden.

Aus Autorenkollektiv: Polen, Leipzig 1969

Aus Autorenkollektiv: Polen, Leipzig 1969

Nach der Querstraße schließt die Grünachse bald an eine weitere an, die breiter ist und durch mittige Rasenflächen einen noch parkartigeren, aber auch strengeren Charakter hat. Beidseits nun Doppelhäuser mit Walmdach, konservative Architektur der Zwanziger oder auch der Nazizeit. Zwischen zwei Pavillons und höheren Gebäuden der Siedlung endet die Grünachse an der folgenden Querstraße. Das städtebauliche Feingefühl der Planer zeigt sich daran, wie sie diese Grünachse, die das beste an der Siedlung ist, fortführen und zum Teil eines Wohngebiets ganz anderer Art machten.

Nun kommt man in ruhige Straßen voller Einfamilienhäuser, die sich über die Hügel ziehen.

BlickGörlitz

Wenn man hier zwischen blühenden Gärten auf die Altstadt von Görlitz am anderen Ufer herabschaut, begreift man, daß Zgorzelec eigentlich einen der besseren Teile des alten Görlitz bekommen hat, bloß eben keinen sehr städtischen.

Der zweite Bahnhof, schlicht Zgorzelec genannt, hat kein bemerkenswertes Gebäude und auch das Wohngebiet, in das man von dort gelangt, ist eher weniger gelungen. Er liegt ganz im Süden, kurz vor dem nach Görlitz hinüberführenden Viadukt. Das Wohngebiet erstreckt sich entlang der großen in die Stadt hineinführenden Straße Warszawska (Warschauer Straße). Sein Grundgerüst bilden auf der linken Seite viele elfgeschossige Gebäude, die sich erst den zur Nysa abfallenden Park entlangziehen und dann in einem Bogen auf die Warszawska stoßen.

ZgorzelecSüd

Nur zu Beginn, zwischen locker parallel zur Straße gesetzten Fünfgeschossern, ein Grünbereich, in dem man eine Ahnung einer Fußgängerachse erkennen kann. Danach aber eher diffuse, vermischte Bebauung, in der nur die Straßen strukturierend wirken. Auf der rechten Seite der Warszawska einige wichtige Einrichtungen, die zwar helfen, Zgorzelec zu der Stadt zu machen, die es sein will, aber letztlich bloß ohne Bezug untereinander aufgereiht sind. Zuerst das Sportzentrum.

SportzentrumZgorzelec

Es besteht im Grunde nur aus einem langen rechteckigen Flachbau mit roter Kachelverkleidung, doch über diesen spannen sich an beiden Enden gewellte Dächer aus einer leichten Stahlkonstruktion, die außen von Betonstützen aus einer geraden Strebe und einem schrägen umgedrehten V getragen werden.

SportzentrumZgorzelecStützen

In den beiden so entstehenden Räumen sind ein Schwimmbad und eine Sporthalle untergebracht, während der Eingang im flachen Teil in der Mitte ist. Ein markanter und funktionaler Bau errichtet mit ganz einfachen Mitteln also. Als nächstes der Busbahnhof.

BusbahnhofZgorzelec

So wie hier, wo aus dem Flachbau das steile Spitz der Wartehalle mit ihrer vertikal gegliederten Verglasung aufstrebt, wären in anderen Ländern Kirchen errichtet worden. Doch dies ist Polen und so steht direkt dahinter ein besonders banales Beispiel sakraler Architektur, das einen mehr als alles sonst bedauern läßt, daß das alte Görlitz Zgorzelec nicht etwas mehr hinterlassen hat. Mit einem Kaufhaus schließt das Wohngebiet dann an alte Mietskasernenbebauung an. Das sind die Teile der Stadt, die der von Görlitz kommenden Besucher am ehesten sehen wird und sie sind eben so häßlich wie entsprechende Straßenzüge überall. Sie hatten wohl auch nie ganz aufgehört, das faktisches Stadtzentrum zu sein, doch wie aufgezeigt waren sie immer nur ein Teil der Stadt, da es schon in den angrenzenden Hügeln mit ihren Einfamilienhäuser ganz anders aussieht.

Um die vom alten Görlitz ererbten Teile legt sich also von Süden und Osten das neue Zgorzelec. Auch im Norden erstreckt sich ein Wohngebiet, das wiederum ganz anders geartet ist. Es beginnt an der Straße mit zwölfgeschossigen Gebäuden, von denen aus sehr lange fünfgeschossige Gebäude gen Westen verlaufen.

ZgorzelecNord

Eine klare Achse ist das nicht, aber doch ein offener und angenehmer Stadtraum. Abschluß, Höhepunkt des Wohngebiets und in gewisser Weise auch von allem, was Zgorzelec mal zu sein versuchte, ist ein sehr markanter Gebäudekomplex. Zwei Gebäude, die aber eine Einheit sind. Zwei L-Formen, zueinander so angeordnet, daß sich ein offenes Rechteck ergibt, die langen Seiten in vielen, durch Aufzugsbauten und Schornsteine weiter nuancierten Stufen von fünf auf dreizehn Geschosse ansteigend und beim linken an der kurzen Seite wieder auf neun Geschosse abfallend.

GebäudeZgorzelec

Der Bereich zwischen den Gebäuden eher kahl, aber nicht auf diesen Eindruck kommt es an. Das Gebäude will von Weitem gesehen werden, es ist Zgorzelec‘ Gruß an Görlitz. Hoch auf dem Hügel gelegen, tritt es ins Gespräch mit der Peterskirche am deutschen Ufer der Neiße, die ihrerseits auf einem Hügel steht, aber niedriger.

BlickZgorzelecGörlitz

Und der graue, bei den seitlichen Balkonen schwarze, Beton, das Bunt der Balkongeländer und der diese vertikal zusammenfassenden Gitter brauchen sich hinter den gotischen Spitzbögen und den niedrigen Türmen der Kirche nicht zu verstecken. Wollte man hymnisch werden, man würde dieses Gebäude in Zgorzelec eine Kathedrale des Wohnens nennen, in der der neue Mensch endlich nicht mehr beten muß. Was das polnische und sozialistische Zgorzelec, das es hätte geben können, mit diesem Gebäude zu Zgorzelec sagt, nicht bösartig, aber selbstbewußt, von Stadt zu Stadt sprechend, ist: Sicher, wir haben keine Altstadt, aber wir legen unseren Bürgern die deine zu Füßen. Denn von nirgendwo sieht man Görlitz besser als von ebendort in den Hügeln von Zgorzelec. Umgekehrt erinnert das Gebäude Görlitz daran, daß die Geschichte nicht im 19. oder 18. Jahrhundert aufhörte. Steht man auf der Verkündigungskanzel vor dem Görlitzer Rathaus, so sieht man neben der Altstadt auch immer dieses Gebäude.

BlickVerkündigungskanzelZgorzelec

geht man über den Obermarkt, so vervollständigt es die Abfolge der Türme, die ihn markieren. Es ist Teil sowohl von Zgorzelec auch von Görlitz.

Aus Autorenkollektiv: Erholungsgebiete Bezirk Dresden, Dresden 1988

Aus Autorenkollektiv: Erholungsgebiete Bezirk Dresden, Dresden 1988

Nach diesem Höhepunkt kommt nichts mehr. Schon der Weg hinab zur Neiße zeigt, wie sehr Zgorzelec sich aufgegeben hat. Plattenbau mit historistischen Ziegeldächlein, die sich nahtlos an banale Gebäude aus jüngerer Zeit anschließen, am Rande sehr heruntergekommene Mietskasernen und am Ende der von Görlitz herführenden Brücke ein wenig disneyhafte Pseudoaltstadt für die Deutschen und die Touristen. Es ist eine unendlich trostlose und oft einfach nur leere Gegend. Nicht ausgeschlossen, daß hier in der besten Zeit der polnisch-deutschen Beziehungen, den siebziger Jahren, als zwischen Polen und der DDR der visafreie Reiseverkehr, eine Art sozialistisches Schengen, galt, einmal ein Zentrum von Zgorzelec, das ein fortschrittliches Gegengewicht zur Görlitzer Altstadt hätte bilden können, geplant war. So ist Zgorzelec heute nur in wunderbaren Ansätzen die Stadt, die es hätte sein sollen.

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