Dzierżyński und Pieck in Görlitz

Es scheint fast, als habe sich jemand in Görlitz meine Kritik daran, wie wenig von der polnischen Nachbarstadt – und angeblichen zweiten Hälfte einer Europastadt – Zgorzelec auf den offiziellen Stadtplänen zu sehen ist, zu Herzen genommen: seit einer Weile findet sich nahe dem Bahnhof in der Berliner Straße ein neuer Stadtplan, der auch große Teile von Zgorzelec zeigt.

StadtplanGörlitzBerlinerStraße

Daß in der Schreibweise der dortigen Straßen die polnischen Sonderzeichen konsequent unberücksichtigt bleiben, ist wenig erstaunlich. Doch die Görlitzer Stadtväter fanden noch eine weitere, ziemlich überraschende Möglichkeit, ihr absolutes Desinteresse an Zgorzelec auszudrücken: auf dem Stadtplan sind Straßennamen, die es seit vermutlich fünfundzwanzig Jahren nicht mehr gibt.

StadtplanGörlitz

Ich selbst finde es ja sehr sympathisch, mir in Zgorzelec eine Ulica Feliksa Dzierżyńskiego (Feliks-Dzierżyński-Straße) und eine Ulica Wilhelma Piecka (Wilhelm-Pieck-Straße) vorzustellen.

Feliks Dzierżyński war immerhin eine der interessantesten polnischen Persönlichkeiten des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Wiewohl aus einer Szlachta-(Adels-)Familie aus dem heutigen Weißrußland stammend, fand er seinen Weg zur Arbeiterbewegung und wurde, wie Rosa Luxemburg, zu einem Mitbegründer der SDKPiL (Socjaldemokracja Królestwa Polskiego i Litwy – Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens). Während Luxemburg nach Deutschland ging, mußte Dzierżyński sich, auch wegen langer Gefängnisstrafen, auf Rußland konzentrieren und baute nach der Revolution 1917 als enger Vertrauter Lenins unter anderem den Geheimdienst Tscheka, den Vorgänger von NKWD und KGB auf. Er starb 1926 nicht lange nach Lenin und in der Folge wurden viele Straßen oder Städte nach ihm benannt, doch Dzierżyński war der wohl einzige sowjetische Politiker, für den das nichts Besonderes war: der Sitz seiner Familie hieß ohnehin schon Dzierżynowo.

Wilhelm Pieck nun, der erste und einzige Präsident der DDR, stammt aus Guben, das wie Görlitz an der Neiße liegt und eine ähnliche Geschichte hat: seit 1945 gehört sein östlicher Teil als Gubin zu Polen und genau in diesem steht Piecks Geburtshaus. Anders als Dzierżyński hätte er sich als Tischler und Sohn eines Kutschers wohl nie träumen lassen, daß seine Heimatstadt einmal zur Hälfte Wilhelm-Pieck-Stadt Guben heißen würde. Aber er hat mit Zgorzelec auch direkt zu tun, da in seiner Regierungszeit 1950 im Dom Kultury (Kulturhaus) der Vertrag über die Oder-Neiße-Friedensgrenze unterzeichnet wurde.

Sympathisch also kann man diese Namen finden. Aber man muß leider davon ausgehen, daß es den Verantwortlichen in Görlitz nicht darum ging, polnische und deutsche kommunistische Persönlichkeiten zu ehren. Ihnen ist Zgorzelec vielmehr schlichtweg so gleichgültig, daß ihnen auch seit fünfundzwanzig Jahre überholte Straßennamen nicht auffielen. Die heutigen Namen der Straßen lauten übrigens Ignacego Daszyńskiego (Ignacy-Daszyński-Straße) und Piękna (Schöne Straße).

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