Ein Brückenzwitter am Donaukanal

Wenn man zu Fuß oder im Auto über die Rossauer Brücke am Donaukanal kommt, wird man sie im besseren Fall nicht bemerken

RossauerBrückeStraße

und im schlechteren über die billige Neojugendstilornamentik ihrer Lampenpaare lachen oder verärgert sein.

RossauerBrückeLampen

Die 1983 errichtete Brücke könnte so ein weiteres Beispiel dafür sein, wie wenig Wien das fortschrittliche Erbe Otto Wagners verstanden hat.

Ganz anders jedoch ist es, wenn man zu Fuß oder besser noch auf einem Boot unter ihr hindurchkommt.

RossauerBrückeWasser

Erst hier zeigt die Brücke ihre Schönheit. Auf einer leicht abgeschrägten Fläche zwischen Uferweg und Wasser ruhen auf einem zehneckigen sich leicht verjüngenden Betonsockel und einem Pufferelement die vier Stützen der Brücke.

RossauerBrückePfeiler2

Wie aus einem einzigen Betonblock erwachsen sie und streben schräg hinauf, die Fahrbahn zu tragen. Alle vier Stützen sind eher flach, aber breit, und man könnte erst meinen, sie seien alle identisch. Doch die beiden uferseitigen sind deutlich weniger schräg und verbreitern sich nach oben hin, während die beiden anderen bis weit über das Wasser hinausragen.

RossauerBrückePfeiler

Aus reiner Konstruktion erwächst hier enorme Expressivität. Im ersten Moment mag das Aufspießen der Stützen überraschen, weil man es so noch nie sah. Man denkt an geöffnete Hände, Strahlenkränze oder eine sich öffnende Blüte, irgendetwas, das viel leichter und zarter ist als der Beton der Stützen. So skulptural wirken diese Stützen, daß man die Brücke über ihnen fast vergessen könnte. Doch zugleich erfüllen sie ihre tragenden Funktion perfekt, bleiben der Brücke klar untergeordnet. Die Konstruktion hat nichts Kompliziertes oder Gesuchtes, sondern wirkt zwangsläufig und harmonisch.

RossauerBrückePfeilerStraße

Hier erst, wo nichts nach Otto Wagner aussieht, geschieht die Anknüpfung an ihn. Die Brücke ist als expressive Konstruktion, die dennoch nie zum Selbstzweck wird, und als symbolisches Tor für den Schiffsverkehr auf dem Donaukanal eine klare Nachfolgerin von Wagners Schemerl-Brücke.

Brücke

Sie teilt mit dieser auch den Zwittercharakter, dieses sehr Wienerische Schwanken zwischen größter Klarheit und schlimmstem ornamentalen Kitsch. Letzterer zeigt sich bei ihr außer in der lächerlichen Dekoration des Geländers auch im Graffiti, das heute den einst nackten Betonkörper der Pfeiler bedeckt. Es zeugt von ihrer selbstbewußten Dezenz, daß es ihnen gar nichts anhaben kann. Ein schöner Körper bleibt eben auch mit Tätowierungen, sogar solchen, die er sich nicht selbst aussuchen konnte, schön. Wie man bei der Schemerl-Brück die gratuite Monumentalität der Löwen getrost ignorieren kann, so ignoriere man eben auch die Ornamentik der Rossauer Brücke.

Advertisements