Selbstbewußte und selbstverleugnende Architektur

Eine Situation in Wrocław in der Straße Piaskowa:

BlickPiaskowa

Rechts ein Kloster. Es wendet der Straße den Chor einer gotischen Kirche zu, an den aber zu beiden Seiten barocke Gebäude, eine kleine Kapelle und ein dreigeschossiger Wohntrakt, anschließen.

KlosterPiaskowa

Was man hier sieht, ist selbstbewußte Architektur. Die Barockbauten nehmen keinerlei Bezug auf ihren gotischen Vorgänger. Der Kontrast ist offensichtlich und könnte kaum größer sein: hier die Vertikalität hoher Pfeiler und spitzbögiger Fenster, dort die Horizontalität rechteckiger Fensterreihen; hier blanker roter Backstein, dort Putz in Weiß- und Gelbtönen. Die Architektur des Barock ist, wie man sieht, völlig von sich überzeugt. Sie duldet das Alte gerade noch zwischen sich, käme aber niemals auf die Idee, sich ihm anzupassen. Es ist eine Art von Selbstbewußtsein, die man auch Arroganz nennen könnte, aber bis etwa 1800 war jede Architektur so.

Links die Hala Targowa (Markthalle). Mit ihrem Turm, ihren annähernd gotischen Fenstern und ihrem roten Backstein scheint sie ganz Zeitgenossin der Kirche gegenüber zu sein.

HalaTargowaAußen

Doch nicht 1408, sondern 1908 wurde sie errichtet. Tritt man hinein, begreift man sofort, daß die Fassade einem nur etwas vorspiegeln wollte.

HalaTargowaInnen

Man sieht keine Zierformen mehr, auch keine überkommenen Baumaterialien, stattdessen: Beton. In steilem Schwung ragen die Betonpfeiler von beiden Seiten auf, um sich hoch oben als flachere Bögen zu verbinden. Diese Betonrippen tragen das simple Satteldach in der Mitte, und, mittels vertikaler Streben, die nach außen abfallenden Pultdächer an den Seiten, und auch diese bestehen ganz aus Beton. Dazwischen sind Fenster, die das Marktgeschehen in der Halle beleuchten. Hier sieht man eine Architektur, die sich selbst verleugnet. Die Bautechnik, der Stahlbeton, ist äußerst fortschrittlich, aber davor wurde eine Fassade gesetzt, die so tut, als sei sie aus dem Mittelalter. Sie will auch einen Bezug zur Kirche gegenüber herstellen, aber es ist ein oberflächlicher, und noch dazu unnötiger.

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław - krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Denn man kann sich angesichts des hohen Gewölbes durchaus leicht an gotische Kathedralen erinnert fühlen. Nicht durch das Material, sondern durch das Raumempfinden entsteht die wirkliche Verwandtschaft zur Kirche, die man durch das Fenster sieht.

HalaTargowaKirche

Aber diese Architektur vertraut nicht auf ihre eigene Kraft, wie die Gotik und der Barock das getan hatten, sondern versteckt sie hinter nachgeahmten Formen des Alten. Sie will sich dadurch legitimieren, erreicht aber das genaue Gegenteil.

Das mangelnde Selbstbewußtsein und der Mißbrauch des Alten, um dieses zu übertünchen, sind typische Merkmale fast aller Architektur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (das 19. Jahrhundert endete bekanntlich erst 1917). Ganz selbstverständlich, daß all diese Kraft entfesselt werden wollte, daß die bautechnischen Möglichkeiten die historischen Formen, in die sie gezwängt worden waren, ohne je passen zu können, abschütteln wollten. So entstand die fortschrittliche Architektur des 20. Jahrhunderts. Ein Beispiel dafür kann man direkt angrenzend an einem Gebäude, das zum Ensemble des Plac Nowy Targ (Neuer Markt) gehört, sehen.

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław - krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Ganz wie die barocke Architektur der gotischen stellt sich diese Architektur, jedenfalls in ihren Formen, selbstbewußt aller alten gegenüber. Grauer Beton, Fensterbänder, der Kontrast ist offensichtlich. Anders als beim Barock ist dieses Selbstbewußtsein aber frei von Arroganz. Zum einen nämlich hält dieses Gebäude Abstand zu seinen Vorgängern, statt einfach an sie anzubauen. Zum anderen zeigt es seinem gotischen Nachbarn auf subtile Art, daß es von seiner Existenz durchaus weiß.

BlickKircheGalerie

Es streckt ihm einen kleinen Trakt entgegen, der unter einem dicken Flachdach zwar fast völlig aus Glas besteht, aber auch zwei Wandteile aus Backstein hat, in denen man spitzbögige Fenster erkennt. Dieser transparente Trakt ist nur der oberirdische Teil einer kleinen Galerie für Photographie, die unterhalb der heutigen Straßenebene aus einem romanischen Gewölbe besteht.

Galerie

So nimmt das Gebäude sogar noch einen älteren Vorgängerbau in sich auf und macht ihn wieder für den Stadtraum erlebbar. Es wird damit zu einem schönen Beispiel dafür, wie sich eine gelungene Verbindung zwischen Alt und Neu darstellen kann: als ein selbstbewußtes, aber respektvolles Beieinander, das sowohl Arroganz als auch Selbstverleugnung vermeidet.

Selbstbewußtsein ist also ein wichtiges Merkmal fortschrittlicher Architektur, wobei jedoch keineswegs jede selbstbewußte Architektur auch fortschrittlich sein muß.

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