Bauhausstil

Die Bedeutung des Bauhauses für die fortschrittliche Architektur kann nicht genug betont werden. Man muß dabei allerdings immer auch erwähnen, wie es schon 1930 ein kommunistischer Journalist tat, daß „die architektonische Leistung von Gropius erst in der sozialistischen Perspektive ihren vollen sozialen Wert“ erhält . Man muß weiterhin beklagen, daß es in Deutschland die Tendenz gibt, alle fortschrittliche Architektur der zwanziger Jahre mit dem Bauhaus in Verbindung zu bringen, was sogar für die deutsche Situation der Zeit völlig falsch ist.

Ein ernsteres Problem spricht Karel Teige 1929 in seiner kritischen Würdigung „Deset let Bauhausu“ (Zehn Jahre Bauhaus) an:

„Tento úspěch má však také svůj stín: vzniká takzvaný bauhausstil, modernistická manýra a móda, jež v práci četných a horlivých epigonů se šíří Německem a střední Evropou, aby se stala karikaturou lepších úmyslů ústavu a jeho vůdců“ (Dieser Erfolg hat jedoch auch seine Schattenseite: es entsteht der sogenannte Bauhausstil, eine modernistische Manier und Mode, die sich in der Arbeit zahlreicher eifriger Epigonen über Deutschland und Mitteleuropa ausbreitet, um zu einer Karikatur der besseren Absichten des Instituts und seiner Leiter zu werden.)

„Bauhausstil“, das heißt, einige oberflächliche Elemente, die die Architektur des Bauhauses prägten, bloße weiße Putzflächen etwa, auf Gebäude zu applizieren, die sich von überkommenen nicht unterscheiden. Im „Bauhausstil“ wird das radikal Neue des Bauhauses zum reinen dekorativen Motiv. Der Begriff selbst domestiziert das Bauhaus, damit es ordentlich in eine bürgerliche Stilgeschichte eingeordnet werden kann. Was die fortschrittliche Architektur aber auszeichnet, ist, daß sie keine Stile mehr kennt, sondern Lösungen für Probleme.

Meist verbindet sich in den Bauten wirkliche Fortschrittlichkeit mit leerem „Bauhausstil“. Man betrachte etwa diese Villa in der Braungasse in Wien.

VillaBraungasse

Da sie bloß eine Villa ist, kann sie ohnehin nur bedingt fortschrittlich sein, aber als Anschauungsobjekt reicht sie aus. Links sieht man, wie eine schmale Treppe vom Balkon des zweiten Geschosses auf eine Dachterrasse führt. Diese ist ein zweifelsohne neues, fortschrittliches Element, das dem Gebäude viel gibt. Ganz anders sieht es mit dem halbrunden Stahlgitterbalkon über dem Eingang aus. Balkone wie dieser sind so etwas wie das Markenzeichen des „Bauhausstils“. Schon beim Bauhaus in Dessau kann man sich über den Sinn dieser Balkone vorm Wohnheimtrakt streiten, aber es ließe sich zumindest argumentieren, daß sie eine wertvolle Öffnung der kleinen Zimmer nach außen sind. Bei der großbürgerlichen Villa in Wien aber, die selbstverständlich einen großen Garten und noch dazu Balkon und Dachterrasse hat, ist dieser winzige Balkon, der noch dazu nur durch eine erstaunlich schmale Tür zu betreten ist, offenkundig nicht mehr als Dekoration.

Was Teiges Worte also lehren, ist die Bedeutung genauen Sehens. Nur so nämlich läßt sich das bloß Modische vom wirklich Fortschrittlichen unterscheiden.

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