Jugendstil, an seiner Überwindung arbeitend

Die Schemerlbrücke in Wien, am Brigittenauer Sporn, dort, wo der Donaukanal im Norden von der Donau abzweigt, ist ein schönes Beispiel dafür und damit für den ganzen Wert dieses Architekturstils.

Brücke

Die eigentliche Brücke ist ganz Konstruktion. Grüngetünchter Stahl, zwischen den langen horizontalen Trägern von Fahrbahn und Dach dünne vertikale, aber wirksamer noch dickere schräge Träger, die von links und rechts zur Mitte hinstreben, um sich dort X-förmig zu verbinden. Britische Eleganz, nach dreißig, vierzig Jahren, um 1900, in der k. u. k. Metropole angekommen. Die beiden Brückenpfeiler vor der Brücke tun nicht einmal mehr so, als haben sie für diese irgendeine Funktion, sie sind bloß Träger, riesigen Kerzenhaltern gleich, für die großen Laternen aus grünem Schmiedeeisen und Glas. Die kupfernen Löwen auf den hohen Sockeln hinter der Brücke mögen noch dem sich nähernden Boot imponieren, indem sie ihm ihr „Viribus unitis“ zubrüllen, aber wer die Brücke überquert, sieht sie gezähmt hinter dem weitmaschigen Gitter des Brückendachs.

LöweGitter

Mehr noch als die Brücke selbst strebt das Gebäude quer daneben, auf dem schmalen Landstück zwischen Kanal und Fluß, in die Zukunft.

Gebäude

Seine Ordnung ist noch konventionell. Aber der graue Stein des unteren Geschosses ist schon weniger monumentaler Sockel als Fortsetzung des helleren Steins des Abschlusses der Brücke und dient mit diesem dazu, den Höhenunterschied zwischen Straßen- und Kanalebene zu vermitteln. Das Weiß der oberen Geschosse will schon ganz bloße Fläche sein, schämt sich seiner letzten Ornamente. Die grüngefaßten Fenster wollen schon bloße Glasflächen sein, wie sie es beim Erker, der sich dem Sporn zuwendet, und beim Dachaufbau dann auch schon sein dürfen. Das Dach, nun, es ist, oder wirkt, bereits flach.

Beide, Brücke wie Gebäude, 1898 errichtet, tragen schon die Keime des 20. Jahrhunderts in sich. Keine Beeinträchtigung also, sondern eine Vollendung, daß auf der anderen Seite der Brücke, gegenüber des Gebäudes, heute die Autobahn verläuft.

EnsembleMitAutobahn

Von breiten flachen Stützen, die sich oben geschwungen verbreitern, schwingt sich die Betonwölbung unter der Fahrbahn bis fast zum rechten Löwen hin. Blickt man vom nahen Nußdorf dorthin, scheint er nicht mehr auf dem vertikalen Sockel, sondern auf der horizontalen Fahrbahn zu stehen.

LöweAutobahn

So findet er sein menschliches Maß, das die Architektur ihm wünscht.

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