Devín

Ein Fels direkt dort, wo die Morava (March) in die Donau (Dunaj) mündet, direkt dort, wo das flache Marchfeld auf die ersten Ausläufer der Weißen Karpaten trifft – selbstverständlich steht auf diesem Fels eine Burg: Devín.

DevinNebel

Die Landschaft ist hier wie ein Tor und die Burg ist der Wächter, der dem Reisenden vor dem nahen Bratislava entgegentritt. Ob er übers Wasser oder übers Land kommt, Devín, auch als Ruine noch groß, übersieht er nicht.

Aus Gregor, Ján und Tamašiová, Anna: Bratislava, Bratislava 1982

Aus Gregor, Ján und Tamašiová, Anna: Bratislava, Bratislava 1982

Immer war hier eine Grenze, früher zwischen Österreich und Ungarn, dann zwischen Österreich und der Tschechoslowakei, heute zwischen Österreich und der Slowakei.

An die ungarische Zeit erinnert wenig. Ein riesiges Denkmal, das 1896 zur Tausendjahrfeier Ungarns errichtet worden war, wurde 1921 gesprengt. Heute gibt es bloß noch eine Inschrift auf einer großen mit Obelisken verzierten Wand am Ufer abseits der Burg, die lautet:

UngarischeInschriftDevin

„Durch dieses Tor stürzte sich der Feind oft auf die Ungarn, aber kein einziges Mal gewann er einen dauerhaften Triumph. Doch der westlichen Bildung war dieser Weg tausend Jahre lang nie verschlossen. Und damit hier der Wettbewerb sicherer sei, regulierte das UNGARISCHE VOLK SEINE DONAU. Möge ES die Vorsehung deshalb auch segnen!“ Aufgrund des recht bedrohlichen Inhalts ist es wenig verwunderlich, daß der rote Aufkleber mit der slowakischen Übersetzung mehr wie ein Warnhinweis aussieht, verwandt dem Badeverbotsschild oben rechts. Heute steht die Wand zudem im Garten eines Hauses hinter einem Zaun und wird von einem großen Schäferhund bewacht.

UngarischeInschriftZaunDevin

Offenkundig soll man sie nicht beachten.

Und wieso sollte man auch? Unterhalb der Burg steht man heute am Slovanské nábrežie, am Slawischen Ufer, und es begrüßt einen die Tschechoslowakei. Die Burg, seit Jahrhunderten Ruine, aber erst 1932 von der ungarischen Adelsfamilie Pállfy dem Staat überlassen, wurde ergänzt mit einem durch und durch tschechoslowakischen Gebäude. Passiert man Devín auf dem Fluß, kann man beide nur zusammen betrachten und genau so ist es gedacht.

SlovanskéNábrezie48

Ein dreigeschossiges Gebäude, das Erdgeschoß hinter Stützen leicht zurückgesetzt und bis auf den mittigen Eingang öffnungslos, in den Obergeschossen zwischen bloßen Wandflächen links und rechts erst runde Fenster, dann horizontale Fensterbänder, wobei die im dritten Geschoß höher und zusammengefaßter sind, und auf dem Dach Geländer aus dünnen Stahlrohren, an zwei Stellen kleine halbrunde Balkone und zwei Aufbauten. Die ruhige vertikale Fassade kontrastiert stark mit den vielfältigen zerklüffteten Formen der Felsen und der Burg.

SlovanskéNábrezie48Devin

An beiden Seiten führen Treppen am Gebäude vorbei und dann an seinem in den Hang hinein schmaler werdenden Baukörper entlang nach oben. Dort, im Hang hinter dem Gebäude, öffnet sich ein Amphitheater, für das das Gebäudedach zur Bühne wird.

SlovanskéNábrezie48Bühne

Auch ohne Vorstellung ist die Flußlandschaft mit ihrem regen Schiffsverkehr ein Schauspiel. Und ausnahmsweise bekommen auch die kleinen bauhausstiligen Balkone einen gewissen Sinn, werden Logenplätze für den Blick auf Donau und March.

SlovanskéNábrezie48Balkon

Während alte Zeiten die strategische Lage von Devín nutzten, begriff die Tschechoslowakei in sympathischerer Nachfolge von Ungarn seine symbolische Bedeutung: an ihrem Eingangstor präsentierte sie sich mit einem fortschrittlichen Gebäude als würdige selbstbewußte Erbin des Alten.

Das Gebäude verbindet sogar beide Teile der tschechoslowakischen Geschichte. Seine Architektur würde gut in die kapitalistische erste Republik passen, aber tatsächlich entstand es im Jahre 1948, genau zu Beginn der sozialistischen Zeit, weshalb es auch als Bezug auf den siegreichen Februar, der die Kommunisten an die Macht brachte, die symbolische Adresse Slovanské nábrežie 48 trägt. Genutzt wurde es ob der komplizierten Lage an der Grenze nur sporadisch. Einen Eindruck davon, wie es sein konnte, geben folgende Bilder, die zeigen, wie im Jahre 1959 vor 150 000 Zuschauern Bedřich Smetanas Oper „Libuše“, die teils in Devín spielt, aufgeführt wurde:

„Durch die Kunst zur Völkerfreundschaft, zum Weltfrieden!“

„Durch die Kunst zur Völkerfreundschaft, zum Weltfrieden!“

Aus Petrlík, František: Bratislava - mesto na Dunaji, Bratislava 1960

Aus Petrlík, František: Bratislava – mesto na Dunaji, Bratislava 1960

Und die Slowakei? Sie baute ans Ufer unzählige lächerliche Kunstwerke, unter anderem ein Denkmal für den sogenannten Eisernen Vorhang (wie es aussieht, kann man sich denken – Eisen, Vorhang? Genau…), und ließ das tschechoslowakische Gebäude verfallen, so daß Devín heute gleich zwei Ruinen hat.

SlovanskéNábrezie48Amphitheater

Unterhalb von Devín ist eben jede Zeit repräsentiert durch das, was sie verdient hat.

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Ein Gedanke zu „Devín

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