Autobahnidylle

„And we’ll surface surrounded by grass and trees and the flyover that takes the cars to cities“, Idylle darf nur so aussehen. In Wien sind das der nördliche Beginn des Donaukanals und der Knoten Nußdorf.

Die von Klosterneuburg kommende Stadtautobahn hat sich am Donauufer schon auf hohe Betonstützen aufgeschwungen,

KlosterneuburgerHochstraßeDonauufer

bevor sie den Brigittenauer Sporn und den zarten grünen Stahl der Schemerlbrücke mit den lachhaft monumentalen Bronzelöwen und dem jede Monumentalität konterkarierenden weiß-transparenten Gebäude erreicht.

EnsembleMitAutobahn

Mit dem offiziellen Namen Klosterneuburger Hochstraße führt sie nach Wien hinein, ohne daß ein einziges Auto Wiener Boden berührte oder Wiener Fußgänger behelligte. Sie verläuft nicht am, sondern weit oberhalb des rechten Donaukanalufers.

KlosterneuburgerHochstraßeDonaukanal

Das Ufer selbst, ja, der ganze Kanal, gehört dem Fußgänger. Das Wasser überspannen erst zwei Eisenbahnbrücken, die eine aus Stahl, die andere aus Beton, doch bald hat auch die Autobahn Abzweigungen zum anderen Ufer, eine, zwei, mehrere, unterschiedlich hoch, einander überkreuzend.

KlosterneuburgerHochstraßeÜberDonaukanal

Über dem grünen Wasser des Donaukanals und den grünen Pflanzen der Ufer entsteht ein kompliziertes Ballet vielfach geschwungener grauer Betonpfeiler und –brücken.

KlosterneuburgerHochstraßeStüze

Sie tragen die Autos. Wohin die Straßen dort oben führen, woher sie kommen, kann man von hier unten nicht durchschauen und man muß es auch nicht, denn selbst hat man die klarste nur mögliche Orientierung entlang des Donaukanals und Wege ins Gewerbegebiet an der Muthgasse oder in andere Teile des 19. Bezirks stehen einem immer offen.

Allzufrüh endet diese Situation. Etwa ab der Höhe Schongauergasse wird am linken Ufer eine Straße ebenerdig und auch am rechten Ufer nähert sich die aufgestützte Straße nach der Höhe Mooslackengasse langsam dem Boden.

KlosterneuburgerHochstraßeEnde

Viele Fahrspuren nun beidseits des Donaukanals.

DonaukanalstraßeHeiligenstädterBrücke

Noch immer bleibt dem Fußgänger das Ufer, aber er ist nun isoliert, abgeschnitten von der städtischen Umgebung durch den Fluß des Autoverkehrs, der undurchdringlicher ist als das Wasser des Donaukanals. Durch die auf Stützen stehende Autobahn war der Fußgänger erhoben, nun wird er erniedrigt, und alles wird noch schlimmer dadurch, daß er eine hundertwässrige Monstrosität vor sich hat.

Doch auch, wenn der Fußgänger mit den Autos auf einer Ebene sein muß, wenn seine Wege so verschlungen sind, wie es die der Autos auf ihren Auf- und Abfahrten sein müssen, kann daraus noch etwas Gutes entstehen: ein Park. Solch ein Park liegt im Knoten Nußdorf, der direkt dort, wo die Flyovers der Autobahn am dichtesten waren, an den Donaukanal grenzt. Es ist ein Park aus vielen, nie sehr großen Teilen.

ParkKnotenNußdorf2

Kein Gartenarchitekt, sondern ein Verkehrsplaner entwarf ihn. Die Autobahn bestimmt ihn voll und ganz. Sie ist für ihn, was anderswo die Natur wäre, sie ist die Wasserläufe, die Felsen und die Hügel.

ParkKnotenNußdorfUnterführung

So winden sich Wege durch mal ebene, mal sanft oder steil abfallenden Wiesen, verbinden kurze Unterführungen und Brücken die einzelnen Teile, stehen Bäume am Ufer der Autobahn.

ParkKnotenNußdorfBrücke

Von manchen Stellen schaut man über die Fahrbahnen und in den 20. Bezirk hinein oder zum Kahlenberg hin.

ParkKnotenNußdorfBlick

Von anderen Stellen sieht man die Autobahn nicht einmal mehr, aber immer hört man sie als ein sanftes Rauschen. Und wieso soll dieses Rauschen weniger schön sein als das des in Wien fernen Meeres? Wieso soll dieser Park weniger schön sein als etwa der Türkenschanzpark mit seinen Wasserfällen und Teichen?

ParkKnotenNußdorf

Der Park im Knoten Nußdorf hat keine Bänke, keine Skulpturen, keine Grillplätze, nicht einmal einen Namen. An seinem höchsten Punkt, wo die Nordbrücke und der den Fußgängern vorbehaltene Nordsteg über die Donau führen, steht immerhin eine betongetragene Bronzetafel zum Bau der Nordbrücke.

NordbrückeTafelKurtSchlauss

Dort ist neben der Bauzeit, 1961 bis 1964, dem damaligen Bürgermeister, Franz Jonas, und vielen anderen am Bau beteiligten Institutionen und Firmen auch der Architekt Kurt Schlauss genannt. Dieser hat sich auch mit dem Bau des Schottentors und anderem große Verdienste erworben, weshalb es sich anböte, den Park ihm zu Ehren Kurt-Schlauss-Park zu nennen. Doch ob mit oder ohne Namen: Wer die Stadt und ihre mögliche Zukunft liebt, dem ist dieser Autobahnpark die wahre Idylle.

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