Winterpalais

Irgendetwas machte Eugenio von Savoy, Prinz Eugen, richtig.

WinterpalaisPrinzEugen

Nicht nur war er der zweifelsohne größte österreichische und vermutlich größte schwule Feldherr, den die Welt je gesehen hat, sondern er ließ auch das großartigste barocke Ensemble in Wien errichten: das Belvedere. Es war, wie man sich heute, da es wie eine Insel im feindlichen Häusermeer liegt, immer ins Gedächtnis rufen muß, sein Landsitz, der, wie der Name sagt, zwar eine schöne Aussicht auf die Stadt bot, aber außerhalb von ihr lag.

Auch im damals von Mauern geschützten Wien selbst, das heute die von der Ringstraße umgebene Innere Stadt ist, hatte Prinz Eugen einen standesgemäßen Wohnsitz, der heute als Winterpalais bekannt ist. Während kein anderer adliger Landsitz bei Wien, und erst recht nicht das kaiserliche Schönbrunn, sich annähernd mit dem Belvedere vergleichen kann, unterscheidet sich das Winterpalais nicht grundsätzlich von all den anderen barocken Stadtpalais‘ in Wien. Wie alle von ihnen zeigt es vor allem, wie wenig der Barock, der Raum und Landschaft braucht, in die engen Gassen der mittelalterlichen Stadt paßt.

Winterpalais

So steht das Winterpalais verloren in der Himmelpfortgasse herum und könnte ebensogut in jeder anderen stehen, da es ohne Beziehung zu Nachbargebäuden oder irgendetwas anderem ist. Doch anders als alle anderen Wiener Stadtpalais‘ scheint es um seine notwendigen Mängel zu wissen oder jedenfalls etwas von ihnen zu ahnen.

WinterpalaisFassade

Zwar hat auch die lange Fassade des Winterpalais‘ einige schwer zu betrachtende Schmuckelemente, besonders um die drei Tore, aber den meisten Schmuck und die meiste Monumentalität spart es sich für sein Inneres, besonders für das Treppenhaus mit seinen riesigen Atlanten.

WinterpalaisTreppenhaus

Es verschwendet seinen Prunk nicht zu sehr nach außen, wo er eh ohne Wirkung bliebe.

WinterpalaisTreppeAtlanten

Stattdessen gibt das Winterpalais der Stadt und ihren Menschen etwas, mit dem sie zwar vielleicht auch nichts anfangen können, das sie aber wenigstens wirklich sehen können: große Reliefs beidseits der Tore.

WinterpalaisReliefs

Die großen vertikalen Flächen sind in einen flachen Hintergrund und viel plastischer vorragende Figuren gegliedert, wobei man deutliche Unterschiede erkennen kann: um das mittlere Tor des ältesten Teils kommen zu den Figuren eher angedeutete Gebäude und Wolken, um das rechte Tor werden die Hintergründe viel detaillierter und um das linke Tor wallen die Wolken schon über den oberen Rand der Fläche hinaus.

Die meisten Motive beziehen sich direkt auf antike Sagen: in der Mitte Aeneas, der seinen Vater aus Troja rettet

WinterpalaisAeneas

und Herkules im Kampf mit einem Riesen,

WinterpalaisHerkulesRiese

links Perseus mit dem Kopf der Medusa

WinterpalaisPerseusMedusa

und Achilles, der Hektors Leiche um Troja schleift.

WinterpalaisAchillesHektor

Um das rechte Tor aber sind andere Motive: rechts eine römische Armee vor einer Stadt, „S.P.Q.R.“ auf der Standarte,

WinterpalaisSPQR

links vor der eroberten Stadt ein knieender Mann, der einem stehenden Soldaten als Zeichen der Kapitulation die Hand küßt, auf der Standarte „Pax“ (Frieden).

WinterpalaisPax

So abstrahierend und allegorisch auch dies ist, im Vergleich zu den anderen Motiven ist es geradezu realistisch und paßt gut zum Palais des Prinzen Eugen, der sowohl den Krieg als auch den durch den Sieg erlangten Frieden gut kannte.

Doch die künstlerische Qualität der Reliefs oder auch nur, was sie zeigen, ist eigentlich zweitrangig. Entscheidend ist: sie sind so angebracht, daß die Vorbeigehenden sie gut betrachten können. Aufgrund der leichten Schräge der Gasse muß man zu den Reliefs um das linke und das mittlere Tor nur leicht den Kopf heben, während man mit denen um das rechte Tor auch aus nächster Nähe Auge in Auge steht.

WinterpalaisPerson

Sie ziehen unweigerlich den Blick auf sich und lassen allen übrigen Fassadenschmuck so banal, nein, unsichtbar werden, wie er ohnehin ist. Sie haben, so sehr das der Barock eben erlaubt, menschliches Maß und geben auch dem Palais ein wenig davon. Das, diese Hinwendung zum Menschen und zur Stadt, ist der große Unterschied zwischen dem Winterpalais und allen anderen Palais‘ der Inneren Stadt. Kein anderes hat solche Reliefs.

Vielleicht war Eugenio sich gar nicht bewußt, wie besonders sein Stadtpalais einzig durch die Reliefs wurde. Vermutlich hatte er andere Sorgen und Freuden. Aber irgendetwas machte er richtig.

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