Das menschliche Maß in Padua

Das menschliche Maß ist ein entscheidendes Kriterium für die Beurteilung von Architektur. Was darunter zu verstehen ist, läßt sich jedoch oft schwer erklären. Daher seien an dieser Stelle in loser Folge einige Beispiele aufgeführt. Siehe auch Das menschliche Maß in Wien.

Padua hat eine der ältesten Universitäten Italiens und damit der Welt. Deren ältestes Gebäude, der Palazzo del Bo, ist von außen in der Enge des Stadtzentrums nicht sehr markant, doch dafür hat es im Inneren zwei umso wichtigere Höfe.

Der ältere, der Cortile Antico (Alte Hof) ist italienische Renaissance in Reinform.

PalazzoDelBoCortileAntico

Ein großzügiger und doch intimer quadratischer Raum umgeben von Kolonnaden aus zierlichen dorischen Säulen, die eine Galerie im Obergeschoß tragen, auf der Kolonnaden aus ionischen Säulen das Dach tragen. Auf dem Architrav zwischen den Geschossen zeigen Reliefs Ochsenschädel, die eine Art Logo der Universität sind, weil in einem Vorgängerbau ein Metzger war (auch Palazzo del Bo heißt in altem Italienisch Palast des Ochsen), geflügelte venezianische Löwen, die auf die Zugehörigkeit Paduas zur Republik Venedig hinweisen, und Symbole verschiedener Wissenschaften, während auf dem Architrav unterhalb des Dachs in der Fortsetzung der Säulen Löwenköpfe hervorragen. Diese Ornamentik bleibt aber dem von der Architektur geschaffenen Raum völlig untergeordnet und ändert nichts an seiner Einfachheit und Klarheit. Viel auffälliger sind die unzähligen kleinen Tafeln an den Wänden der Kolonnaden und die Malereien in ihrem Kreuzgewölbe. Als wollten sie das Menschliche der Architektur noch betonen, zeigen sie die Namen, die Herkunft und die Wappen der Absolventen. So entsteht eine Galerie gesamteuropäischer Gelehrsamkeit des 16. Jahrhunderts. In diesem Ausschnitt etwa finden sich Absolventen aus Burgund, England, Spanien, Deutschland, Böhmen, Polen, Ungarn:

PalazzoDelBoCortileAnticoNamen

Der zweite Hof, der Cortile Nuovo (Neue Hof) ist faschistische Architektur in Reinform.

PalazzoDelBoCortileNuovo

Er ist etwa so groß wie der Cortile Antico und hat zwei Geschosse hohe Arkaden, die wie die beiden Geschosse darüber mit glattem weißen Stein verkleidet sind. Oben hängt an einer der Wände ein Relief mit einer lateinischen Inschrift, das irgendetwas über den Zusammenhang von Studium und Soldatentum erzählen will. Auch hier liest man, oben in einem Seitenteil, Namen, aber nur die des Königs Viktor Emmanuel III, der entsprechend der nominell weitesten Ausdehnung des italienischen Imperialismus etwa 1940 auch als König von Albanien und Kaiser von Äthiophien genannt ist, und von Mussolini, der sich lateinisch als „Italorum Duce“ betiteln läßt.

PalazzoDelBoCortileNuovoMussolini

Im Renaissancehof ist alles zweckmäßig und menschlich, während im faschistischen Hof alles monumental und menschenfeindlich ist. So sind die Säulen im Cortile Antico funktionale Elemente, die eben so hoch sind wie erforderlich, während die Arkaden im Cortile Nuovo nichts tragen, sondern nur dazu dienen, daß der Betrachter sind klein und unwichtig fühlt. Sowohl die Architektur der Renaissance als auch die reaktionärste Architektur des italienischen Faschismus sahen sich als eine Fortsetzung der Antike, aber dieses Beispiel zeigt, wie wenig das heißt. Denn nichts, gar nichts haben diese beiden Höfe miteinander gemein.

Es ist zu bedauern, daß der faschistische Hof der Universität Padua je gebaut wurde, aber ein Gutes hat er doch: durch seine Nähe zum Renaissancehof läßt sich sehr leicht erklären, was menschliches Maß in der Architektur bedeutet.

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2 Gedanken zu „Das menschliche Maß in Padua

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