Atomium

Das Atomium ist das Wahrzeichen von Brüssel und es ist das ungewöhnliche Beispiel eines Wahrzeichens, das für die Stadt und ihre Architektur absolut nicht repräsentativ ist. Während im Zentrum von Brüssel bis in die Sechziger bizarre reaktionäre Architektur gebaut wurde, ist das 1958 für eine Weltausstellung errichtete Atomium ein durchaus fortschrittliches, oder jedenfalls nicht historistisches oder monumentales, Gebäude. Es ist letztlich ein kompliziert und spektakulär geformter Aussichtsturm aus mehreren silbernen Stahlkugeln, die mit schrägen Verbindungselementen zu einer von der Atomstruktur inspirierten Konstruktion verbunden sind. Es ist ein ikonisches und äußerst einflußreiches Gebäude, von dem sowohl der Berliner (Kugelform) als auch der Prager Fernsehturm (Module in einem Gerüst) inspiriert sind und tausend andere Bauwerke auf der ganzen Welt ebenso.

Eine detailliertere Beschreibung des Atomiums erübrigt sich an dieser Stelle, da es zu den Gebäuden zählt, die jeder kennt, ob er nun in Brüssel war oder nicht. Man versteht es jedoch erst in seiner Umgebung so wirklich. Was es vom durchaus verwandten Pariser Eiffelturm unterscheidet, ist vor allem die Lage weit außerhalb des Zentrums.

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Es steht direkt in der Achse, die von Vorstadtstraßen den Hang zum Messegelände hinaufführt. Dieses wurde 1935 angelegt und sieht auch so aus. An den Seiten des riesigen Vorplatzes sind hohe Säulenhallen und das mittlere Gebäude steigt in Stufen an, was hier aber auch nur dazu dient, die vier enormen Pfeiler in der Mitte zu betonen, auf denen bronzene Allegorien von man will gar nicht wissen was stehen.

Alles ist grauer Stein und etwas grünlicher Kupfer, alles ist menschenfeindliche Monumentalität, die auch dem östlichen Nazinachbarn nur gefallen konnte. Daß die hinter den Fassaden verborgenen Hallen mit rotem Backstein und auch mal mit einem abgerundeten und aufgestützten Teil nur halb so schlimm sind, hilft auch nicht mehr.

Das Atomium versperrt den Blick auf dieses reaktionäre, ja, faschistoide Machwerk.

Es erfüllt damit eine ähnliche Funktion wie die stählerne Nadel vor dem monumentalen Wrocławer Gebäude, das in der deutschen Zeit Jahrhunderthalle hieß, in Polen aber zur Hala Ludowa (Volkshalle) wurde. 1948 anläßlich der Wystawa Ziem Odzyskanych (Ausstellung der wiedererlangten Gebiete) errichtet, repräsentierte sie das Polnische inmitten des Deutschen, aber auch den Fortschritt inmitten präfaschistischer Architektur. Entsprechend ist das Atomium vor den faschistoiden Messeanlagen ein Bruch mit dem Alten, eine Entschuldigung der belgischen Architektur für all ihre seit dem Palais de Justice (Justizpalast) im Jahre 1883 begangenen Verbrechen und ein Gelöbnis zur Besserung. Immerhin wurde das Atomium zum Wahrzeichen der Stadt und gibt dem, der an Brüssel und Architektur denkt, ein sehr positives, aber von der Realität weit entferntes Bild.

Letztlich ist aber schwer zu sehen, wie die belgische Architektur ihre Verbrechen wiedergutmachen könnte. Die deutsche brauchte dafür einen Staat, der mit dem Alten brach, und einen zweiten, der das behauptete, und es gelang ihr doch nicht. Wenn das Atomium dort gebaut worden wäre, wo der Palais de Justice steht, dann wäre das ein überzeugender Ansatz gewesen, aber sogar dann bliebe ein ikonisch geformter Aussichtsturm eben das, ein Ansatz, ein Versprechen. Ein einziges Gebäude ist nie genug. Was wäre der Berliner Fernsehturm schon ohne den Alexanderplatz und das Ensemble hin zum Palast der Republik?