Gegen Neostile

Es könnte gefragt werden: Was ist eigentlich das Problem an Neostilen, am Historismus, also daran, für neue Gebäude die Formen früherer Zeiten zu benutzen? Eine knappe Antwort wäre: historistische Gebäude beleidigen sowohl ihre alten Vorbilder als auch ihre eigene Zeit. Das ist an einigen Gebäuden im Zentrum von Malmö gut aufzuzeigen.

In der Engelbrektsgatan (Engelbrechtstraße) steht ein fünfgeschossiges Gebäude mit einer Fassade aus backsteingefülltem Fachwerk.

Engelbrektsgatan11Malmö

Zwischen den Holzbalken sind die roten Backsteine zu filigranen Mustern angeordnet. Die Vorbilder für dieses vom Großhändler Edwin Thomée im Jahre 1917 (!) errichtete Gebäude findet man nur eine Straßenecke weiter auf dem Lilla Torg (Kleinen Platz).

SüdwestenLillaTorgMalmö

Es sind kleine Fachwerkhäuser aus dem 16. Jahrhundert, keins mehr als zwei Geschosse hoch, manche schon ganz schief durch die Strapazen der Zeit. Auch hier Backstein zwischen dunklen Holzbalken, doch hier ist das kein Fassadenschmuck, sondern Ausdruck einer Konstruktionsmethode. Und wenn hier, teilweise, nicht immer, der Backstein zu Mustern angeordnet ist, handelt es sich um ein Bemühen, innerhalb dieser Konstruktionsmethode ornamentale Effekte zu erzielen, nicht um ein beliebiges Ornament.

In der südöstlichen Ecke des Stortorget (Großen Platzes) stehen zwei hohe sechsgeschossige Bürohäuser mit aufwendig geschmückten Neorenaissancefassaden vor allem aus rotem Sandstein, die in hohen Volutengiebeln enden.

SüdostenStortorgetMalmö

Das ältere links mit der Apoteket Lejonet (Löwenapotheke) stammt von 1896. Auch hier braucht man nur zwischen den beiden Gebäuden hindurch- und etwas die Södergatan (Südstraße) entlangzugehen, um an der Ecke Skomakaregatan (Schuhmacherstraße) ein Vorbild zu finden. Es ist das  Flensburgska huset (Flensburghaus) von 1596, ein zweigeschossiger Renaissancebau aus rotem Backstein mit weißen horizontalen Streifen, der die Seite seines Satteldachs und zweier quer ins Dach gesetzter Teile mit Volutengiebeln schmückt. Es ist ein für seine Zeit stattliches, für den heutigen Blick aber zierliches Gebäude. Es ist zuerst funktional, mit neueren, städtischeren Baumethoden gebaut als die Fachwerkhäuser, und erst in zweiter Linie verziert, mit Formen, die aus dem fernen Süden, aus den Niederlanden, kommen.

Historistische Gebäude nehmen Formen, die einmal einen Sinn und Kontext hatten, und kleben sie auf Gebäude, die auch völlig anders aussehen können. Indem sie deren einfache und menschliche Formen ins Gigantische aufblasen, beleidigen sie ihre Vorbilder bloß. Außerdem ist da eine Hilflosigkeit und ein fehlendes Selbstbewußtsein. Der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, der die Welt revolutionierte wie keine Zeit zuvor, weigerte sich, seinen neuen technischen Möglichkeiten entsprechende Formen zu finden. Und so verkleiden sich Malmöer Gebäude, die in dieser Größe hundert Jahre früher kaum denkbar gewesen und wie Hochhäuser mit den Kirchen konkurriert hätten, als Fachwerkhäuser oder als Bürgerhäuser der Renaissance und wirken doch nur lächerlich. Der Historismus in der Architektur ist damit auch ein entscheidender Ausdruck der Schwäche des Kapitalismus. Es ist kein Zufall, daß der Kapitalismus erst aus seinem historistischen Albtraum erwachte und endlich neue Formen suchte, als ihn die Geburt einer noch neueren und revolutionäreren Gesellschaftsordnung, des Sozialismus, erschütterte. Doch da war es zu spät, man konnte ihm nicht mehr glauben, da war der Bezug auf eine Zukunft schon so offensichtlich eine Lüge, wie es zuvor der Bezug auf eine Vergangenheit gewesen war.

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