„Zur Erinnerung an den Vandalismus früherer Jahrhunderte“

Diese ausgesucht schönen Worte kann man mitten im Zentrum Wiens lesen, auf einer Mauer im Innenhof des Dorotheum-Gebäudes.

DorotheumInnenhof

Die Mauer ist eine kleine Galerie dessen, was der Vandalismus früherer Jahrhunderte übrigließ: Fragmente von Grabsteinen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, manche deutsch, manche lateinisch beschrieben, manche schlicht, manche Werke der Renaissancekunst ihrer Zeit, in einem gar eine kleine Stadtsilhouette mit Stephansdom, die den Ortsbezug stärker als alle Worte herstellt.

DorotheumStephansdom

Es sind, liest man noch vorher, „Fundstücke aus dem Gemäuer des alten Versatzamts-Gebäudes“.

DorotheumVandalismus

So wird die Inschrift geradezu ironisch: das Versatzamt, in dem sich die Grabsteine befanden, war zuvor das Dorotheerkloster mit einer barocken Kirchenfassade von 1705 – und es wurde Ende des 19. Jahrhunderts zugunsten des heutigen hochtrabend und falsch sogenannten Palais des Dorotheums abgerissen. Ob sich damals jemand über den Vandalismus dieses Abrisses empört hatte? Sicher ist jedenfalls, daß sich, wenn man heute vorschlüge, das Dorotheum durch einen Neubau zu ersetzen, sogleich irgendwelche Stadtbildschützer gegen diesen Vandalismus empören würden. Hätten sie recht? Daß das Versatzamt allen Quellen zufolge kein weiter bemerkenswerter Bau war und das heutige Dorotheum zweifelsohne allerbanalste k.k. Architektur ist, kann man dabei außer acht lassen. Und so lautet die Antwort: Ja, sie hätten recht, es war Vandalismus und wäre Vandalismus. Aber was soll man daraus folgern?

„Zur Erinnerung an den Vandalismus früherer Jahrhunderte“ – das kann man doch über jede Straße in jeder Stadt, über jeden Ort, über die ganze Geschichte der Menschheit schreiben. Wohin man auch sieht, sieht man etwas nicht, was einmal dort war. Seit dem ersten Vandalismus, den das Fällen des ersten Baums zum Bau der ersten Hütte bedeutete, ist alle Geschichte eine Geschichte von Vandalismus – von Vandalismus und Aufbau, Umbau, Neuaufbau allerdings. Vandalismus ist die Bedingung des Fortschritts. Was wäre auch die Alternative? Leben wie unsere Vorfahren in der Olduvai-Schlucht, ständig gequält von Hunger und Todesangst, wie Tiere?

Selbstverständlich schlägt diese Alternative kein Kritiker des Fortschritts ernsthaft vor. Man ist nie grundsätzlich gegen Veränderungen, sondern immer nur gegen die Veränderungen, die man selbst miterlebt. Der Reaktionär will nicht in eine konkrete frühere Zeit zurück, sondern immer in die gute alte Zeit, von der ihr ihm seine Eltern erzählt haben. Man bedauert nicht den Abriß des Versatzamts, sondern nur den des Dorotheums (oder der Oberfinanzdirektion). Der „Vandalismus früherer Jahrhunderte“ löst keine Emotionen aus. An ihn zu erinnern und zwar als notwendige und gute Bedingung des Fortschritts, ist eine wichtige Aufgabe.

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