Ringstraßenensemble (Wien) und Alexanderplatz (Berlin)

Um das Ringstraßenensemble, also jenen Bereich der Wiener Ringstraße zwischen Hofburg und Rathaus, wirklich zu verstehen, muß man die großen städtebaulichen Ensembles der DDR kennen.

Nur der oberflächliche Blick hält das für eine gewagte These. Zu ihrer Erläuterung seien hier zuerst die Ringstraße und als vergleichbares Ensemble der Alexanderplatz in der Hauptstadt der DDR, Berlin, beschrieben.

Illustration von Siegfried Linke in Müller, Hans: Die Stadt – gestern und heute, Berlin 1989

Illustration von Siegfried Linke in Müller, Hans: Die Stadt – gestern und heute, Berlin 1989

Den betreffenden Teil der Ringstraße überblickt man am besten, wenn man in der Mitte des Heldenplatzes steht (was man nicht zu lange tun sollte, da dort eine Straße ist). Was man sogleich merkt, ist, daß man es nicht mit einem Platz im traditionellen Sinne, also einer mehr oder weniger großen Aussparung innerhalb von geschlossener Bebauung, zu tun hat. Nur zwei seiner Seiten nämlich sind von einem älteren und einem weit monumentaleren, nämlich halbkreisförmig mit Säulenreihen angelegten, neueren Flügel der Hofburg begrenzt. Die Seite zur eigentlichen Ringstraße hin, an letzteren Flügel anschließend, ist durch ein niedriges Triumphtor zumindest symbolisch geschlossen und wird es noch stärker durch die beiden massigen kuppelgekrönten Körper der Museumsbauten, die sich ihm links und rechts anschließen. Das ist aber bloß ein optischer Effekt, denn die Museen stehen in einiger Entfernung jenseits der Ringstraße und begrenzen ihrerseits einen eigenen offenen Platz. Bei der vierten Seite des Heldenplatzes dann fällt jede Begrenzung weg. Stattdessen öffnet sich über die Parkanlage des Volksgartens ein weiter Blick hin zu den weiteren Gebäuden der Ringstraße, die hier einen Bogen macht. Es sind dies das in klassizistischen Formen errichtete Parlament, das neogotische, mit seinem mittleren Turm über alles andere aufstrebende Rathaus und schließlich, bloß von der Seite, das Burgtheater im Stil der Neorenaissance. Zwischen diesem und im Vergleich dazu unscheinbaren Stadtpalais‘, die auch Bürohäuser sein könnten und es heute sind, steht inmitten des Parks der zierliche säulenumlaufene Perseustempel, Zeugnis eines früheren, weniger monumentalen Klassizismus‘.

Illustration von Rudolf Peschel in Stave, Gabriele: Berlin an der Bahnsteigkante, Berlin 1987

Illustration von Rudolf Peschel in Stave, Gabriele: Berlin an der Bahnsteigkante, Berlin 1987

Auch der Alexanderplatz ist kein traditioneller Platz. Nur an seiner engsten Stelle ist er von drei Seiten umschlossen, nämlich vom Sockelbau des vierzig Geschosse aufragenden Hotel Stadt Berlin, vom Centrum-Warenhaus mit seiner kunstvoll ornamentieren Vorhangfassade aus Stahlblech und vom ganz in hellen Sandstein verkleideten Berolinahaus. Von hier aber öffnet er sich, wie das die vom hier stehenden Brunnen der Völkerfreundschaft ausgehende weite Spirale des Pflaster symbolisiert, zur vierten Seite hin.  Nur der zweite sandsteinverkleidete Bau, das Alexanderhaus, der an den ersten anschließt, gibt hier noch einen festen Rahmen, lenkt den Blick aber durch seine Schräge schon zu einem weiten Panorama jenseits zweier tangierende Straßen. Dieses wird bestimmt vom Haus des Lehrers mit seinem in einiger Höhe umlaufenden Mosaik, dem aus einem Sockel mit emporgeschwungenem Dach erwachsenden Haus des Reisens und dem langgezogenen, im Gegensatz zu den beiden vorgenannten Punkthäusern horizontal-ruhigen Körper des Hauses der Elektroindustrie. Doch noch in eine andere Richtung setzt sich der Alexanderplatz fort. Geht man zwischen Berolina- und Alexanderhaus und unter der S-Bahntrasse hindurch oder durch den Bahnhof, kommt man in einen zweiten, aber verbundenen Bereich, der nicht einmal einen Namen hat. Dominiert wird er vom Fernsehturm mit seinem Betonschaft, auf dem hoch oben die silberne Kugel sitzt. Hat man aber erst einmal seinen Sockelbau aus schrägen Spitzen, die teils in die Höhe, teils zum Boden zeigen, passiert, wird das, was man auf Augenhöhe hat, viel wichtiger. Beidseits einer wie auf dem Sockelbau entspringenden Brunnenanlage erstreckt sich ein langgezogener Parkbereich, in den die gotische Marienkirche eingebettet ist. Wäre er nicht so groß, man könnte diesen Platz fast traditionell nennen, denn auf beiden Seiten stehen Wohngebäude mit Geschäften in den Sockelgeschossen, dazu an der einen Seite das Rote Rathaus, und er endet gegenüber dem Fernsehturm mit dem Palast der Republik.

Was nun, kann man fragen, haben diese beiden Ensembles gemein? Die Gebäude schließlich könnten kaum unterschiedlicher aussehen, hier alle Neostile des 19. Jahrhunderts, dort die fortschrittliche Architektur des Sozialismus. Die Antwort ist: einen bestimmten Umgang mit städtischem Raum und der Anordnung der Gebäude darin. Bei beiden stehen die beschriebenen Gebäude frei, sind also allansichtig. In Verbindung zueinander treten sie nicht durch Berührungen, sondern durch ihre Stellung zueinander und die Flächen zwischen ihnen. Bei beiden ist der städtische Raum offen, großzügig und vielfältig. Abhängig davon, wo man steht, erlebt man völlig verschiedene Raumeindrücke und Perspektiven. Es sind dadurch, so paradox das im Falle des von einer Monarchie errichteten Ringstraßenensembles klingen mag, demokratische Räume. Ihren verschiedenen Elementen ist keine Hierarchie inhärent, es ist am Spaziergänger, sie sich mit jedem Schritt seiner Füße und jedem Blick seiner Augen neu zusammenzufügen, wenn auch keinesfalls beliebig.

Das ist ja das Spektakuläre am Ringstraßenensemble: es gibt keine Achse. Man stelle sich das vor: Repräsentation einer Monarchie ohne Achse! Auf die, sicherlich prunkvolle, sicherlich monumentale Halbkreisfassade der Hofburg führen ein Park und ein offener Platz zu. Der kaiserlich-königliche Palast wird so zu bloß einem Element unter vielen. Welch ein Unterschied zum preußischen Berlin, wo Unter den Linden als ganz banale Achse auf das Herrscherschloß zuführt.

Überhaupt ist Ringstraße und Alexanderplatz gemein, daß der von ihnen gebildete städtische Raum in gewissem Maße von Straßen losgelöst ist. Dank gilt Hans Müller daher für den schönen Begriff Ringstraßenensemble, da sich so beschreiben läßt, daß es um mehr als die eigentliche Ringstraße geht. Gewiß ist diese eine konkrete Straße, sogar eine ganz besonders unangenehme und dysfunktionale, was vor dem Aufkommen der mechanischen Geschwindigkeiten etwas besser gewesen sein mag, aber wenn man auf dem Heldenplatz oder im Volksgarten steht und sich die Elemente des Ensembles zusammenfügt, dann ist sie ganz fern und unwichtig. Gleiches gilt für den Alexanderplatz. Auch die ihn tangierenden Straßen sind wenig angenehm und werden durch die Unterführungssysteme so wenig unschädlich gemacht wie die Ringstraße durch ihre U-Bahnunterführungen.

Zu betonen ist, daß das hier beschriebene Verwandtschaften sind und keine Identität. Ringstraßenensemble und Alexanderplatz haben viel gemeinsam, aber sind doch Produkte verschiedener Zeiten und Gesellschaftssysteme mit vielen Unterschieden. Was in ersterem oft nur angelegt ist, hat zweiterer in viel reiferer, bewußterer Form. Trotz ihrer Allansichtigkeit haben die Gebäude der Ringstraße noch Vorder- und Rückseiten und sind oft einfach zu groß und massig, um wirklich ganz erfaßt zu werden. Am Alexanderplatz ist das überwunden. Zudem ist der Alexanderplatz keine Oase in einer ansonsten überkommenen engen Stadt, sondern Kern einer neuen. Während der Palast der Republik eine Art transparente Membran zum Marx-Engels-Platz und zur neugestalteten, von ihrer nur dem preußischen Herrscherhaus dienenden Funktion befreiten Straße Unter den Linden bildet, geht der Blick zwischen Haus des Lehrers und Haus des Reisens bis weit hinein in neue Wohngebiete an der Karl-Marx-Allee und bis zum Leninplatz.

Der Alexanderplatz braucht so auch kein Gebäude wie die Hofburg, die ein Scharnier zwischen dem neuen, offenen Raum des Ringstraßenensembles und der alten, engen Stadt bildet, was durch die spiegelbildlich ähnlichen Flügel zum Heldenplatz und zum Michaelerplatz seinen Ausdruck findet. Doch man muß nur nach Gera blicken, wo das Haus der Kultur genau solch eine Scharnierfunktion zwischen neuem sozialistischen Platz und Altstadt einnimmt, um zu sehen, daß der Städtebau der DDR auch das kannte.

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß Ringstraßenensemble wie Alexanderplatz das Axiom, daß der Kapitalismus großzügige städtische Räume in teuren Lagen haßt, bestätigen. Der Alexanderplatz, Symbol eines sozialistischen Staats, den sich sein größerer und stärkere Nachbar einverleibte (derselbe, der das auch einmal mit Österreich getan hat), wurde einfach wüst zugebaut. Fast nichts vom oben beschriebenen kann man heute noch unmittelbar erleben. Mit dem Ringstraßenensemble, vielgeliebtes Herz von Österreichs Hauptstadt, war es schwieriger. Es blieb immerhin, den freien Raum mit Buden zuzustellen, die nun vor dem Rathaus fast immer und auf dem Heldenplatz hin und wieder zu finden sind.

Wenn man dann liest, daß das gesamte Ringstraßenensemble eher ein Produkt des Zufalls ist und ursprünglich geplant gewesen war, die Hofburg und die beiden Museen mit einem weiteren Flügel zu einer monströsen Achse namens Kaiserforum zusammenzufügen, mag man erst enttäuscht sein, doch sollte man froh sein, da es einen vor eventueller Sympathie für die Habsburger bewahrt. Geplante symmetrie- und hierarchiefreie Stadträume gab es eben erst später und ihre gelungensten Ausprägungen fanden sie im Sozialismus.

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4 Gedanken zu „Ringstraßenensemble (Wien) und Alexanderplatz (Berlin)

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