Etwas Brutalismus für Wien

Der Brutalismus ist angeblich ein Architekturstil der 1960er und 1970er Jahre. Er ist damit einer jener Stile, die sich die Architekturtheoretiker ausgedacht haben, um das wirklich Neue und Fortschrittliche an der Architektur des 20. Jahrhunderts besser zerreden zu können. Wie alle Stilbegriffe sagt auch dieser nicht darüber aus, ob ein Gebäude gut oder schlecht ist, sondern nur darüber, wie es aussieht.

Der Name leitet sich vom béton brut, dem rohen Beton, ab. Ein brutalistisches Gebäude kann definiert werden als eines, das nicht nur aus Beton errichtet wurde, denn das ist seit etwa 1960 bei fast jedem Gebäude so, sondern seinen rohen Beton auch auf möglichst ostentative Weise nach außen zeigt. Man könnte sagen: Brutalismus ist, wenn Beton zum Ornament wird. Oft haben brutalistische Gebäude besonders ungewöhnliche skulpturale Formen, für die sich der Beton eben gut eignet. Entsprechend beliebt ist der Brutalismus in der Architekturphotographie. Es entstehen dann Bilder, auf denen die Gebäude vollends unkenntlich, vollends Ornament werden, Bilder etwa wie dieses:

Kirchstetterngasse19Architekturphotographie

In Wien gab es wenig Brutalismus, da die Wiener Architektur im besten Fall zu funktional und im schlimmsten Fall auf stumpfere Art ornamental war. Eine interessante Ausnahme ist daher das Wohngebäude Kirchstetterngasse 19 im 16. Bezirk.

Kirchstetterngasse19Gesamt

Es ist ein zwar zurückhaltender Brutalismus, aber nichtsdestominder Brutalismus in Reinform. Die Fassade des sechsgeschossigen Gebäudes ist ganz bestimmt von rohem Beton. Er ist vertikal gemasert in den wenigen vertikalen Stützen und horizontal gemasert in den horizontalen Bändern eines jeden Stockwerks. Er ist in den erst geraden, dann schrägen Seiten der verglasten Erkerelemente, die jeweils beidseits der Mitte vorragen und die im eigentlichen eher übertriebene Fensterbänke sind.

Kirchstetterngasse19Erker

Er ist schließlich in den beidseits einer schmalen Wand, die das zurückgesetzte Obergeschoß in der Mitte teilt, vorragenden rechteckigen Pflanzenkästen, wo er beinahe skulptural wird.

Kirchstetterngasse19Oben

Betont wird der rohe graue Beton noch durch das kräftige Orange der Fensterrahmen und das Blau des Garagentors und einiger kleiner Metallflächen in der Mittelachse des Gebäudes.

Es ist ein Gebäude, das auffällt, weil es in Wien dergleichen so selten gibt. Seinem Reiz kann man sich auch schwer entziehen. Der tiefe Eingang ganz rechts, die eine Ecke umlaufende milchige Glasfläche, hinter der man dennoch gut die Autos in der Garage sieht, das breite Garagentor links.

Kirchstetterngasse19Eingang

Die symmetrischen Obergeschosse mit Fenstern in der Mitte und den Erkern und Balkonen beidseits davon. Die die Mitte markierende Betonwand mit den beiden Kästen oben. Das ist alles ausgesprochen hübsch, es ist ein brutalistisches Kleinod.

Grundsätzlich aber unterscheidet es sich aber durch nichts von seinem Nachbargebäude links, das aus derselben Zeit stammen dürfte.

Kirchstetterngasse17Und19

Es versteckt seinen Beton ebenfalls nicht, ist aber von dunkelgrüner Verkleidung bestimmt. Und beide Gebäude, ob nun brutalistisch oder nicht, sind eben nur Blockrandbebauung, traurig im Straßenraster des 19. Jahrhunderts gefangen.

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Ein Gedanke zu „Etwas Brutalismus für Wien

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