Schwesternwohnheim

Eines der interessantesten Hochhäuser des an Hochhäusern nicht armen Frankfurt ist das Schwesternwohnheim des Hospitals zum Heiligen Geist.

Schwesternwohnheim

Es ist nur zwanzig Geschosse hoch, aber dennoch kaum zu übersehen. Während all die so viel höheren Bankhochhäuser im Westen vor allem durch ihre Anzahl und Dichte wirken, steht das Schwesternwohnheim völlig frei am Mainufer.

SchwesternwohnheimSkyline

Blickt man vom Sachsenhäuser Ufer dorthin, sieht man es etwas rechts der Achse der Ignaz-Bubis-Brücke, die von der weißen Tempelfassade des Literaturhauses eingenommen wird.

SchwesternwohnheimIgnazBubisBrücke

Als nur diese Fassade stand, befand sich dort der Portikus, eine Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst (der Wechsel vom einen zum anderen bedeutet bloß, daß dort nun gesättigtere Teile der Frankfurter Elite bei andersartigen Veranstaltungen Wein statt Flaschenbier trinken).

Östlich des Doms ist das Schwesternwohnheim der erste höhere Bau, was seine Sichtbarkeit noch einmal vergrößert, und mit dem Dom hat es auch viel gemeinsam. Nicht nur ähnelt der rötliche Beton, der es bestimmt, ein wenig dem typischen roten Backstein des Doms und anderer alter Frankfurter Gebäude, nein, vor allem sind beide Bauten konsequentester Ausdruck ihrer jeweiligen Zeit. Der Dom, insbesondere der Turm, mit dem er über das Häusermeer aufragt, ist ganz die himmelstürmende Vertikalität der Gotik.

DomFrankfurt

Avancierteste Technik, das fein abgestimmte System der Spitzbögen, Strebepfeiler, Fialen, wurde hier zu keinem anderen Zweck als der Mehrung des Ruhms der Kirche und mehr noch der Stadt verwendet. Das Schwesternwohnheim ist dagegen ein Inbegriff der Architektur des westdeutschen Sozialstaats. Entsprechend ist es ein Wohnhaus, ursprünglich eben für die Krankenschwestern des Hospitals, länger schon auch für andere. Alles an ihm ist horizontal, die Fensterbänder, die grauen Brüstungsbänder aus Beton. Ganz wie der Dom zeigt es sein Material und seine Funktion in größter Klarheit.

Anders als andere Hochhäuser in Frankfurt, die oben ohne Not oder nur, weil sie wie der Dom zur Mehrung des Ansehens einer Firma und der Stadt hoch sein wollen, schmaler werden, verbreitert sich das Schwesternwohnheim oben sogar noch, weil die Konstruktion es erlaubt und die Funktion es erfordert. Die drei oberen Geschosse stehen an der monolithisch-fensterlosen Nordseite unregelmäßig hervor,

SchwesternwohnheimRückseite

während sie zu den anderen drei Seiten, zum Fluß hin, stark verglast und von weit vorgesetzten Balkonen oder vielmehr Plattformen mit hohen Geländern umlaufen sind.

SchwesternwohnheimNah

Ganz oben, vor einem zurückgesetzten Geschoß, entsteht so noch eine großzügige Dachterrasse. Ursprünglich gab es dort einen Kindergarten. Kinder also spielten dort und die Stadt lag ihnen zu Füßen. Schöner als es hier vis-à-vis des mittelalterlichen Doms geschieht, könnte die Befreiung des Menschen, die sich mit fortschrittlicher Architektur verbinden kann, kaum ausgedrückt werden. Selbstverständlich ist dieses Nebeneinander dieser beiden so verschiedenen und doch so verbundenen Bauten bloß Zufall, aber es bereichert Frankfurt sehr.

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