Frankfurts zerstörte Mitte

„Beispiele für eine umfassende Konzeption entstanden in einigen stark kriegszerstörten Städten wie Le Havre, Rotterdam, Coventry und Frankfurt a. Main (Römerberg)“, liest man in der „Kunstfibel“, einem kunstgeschichtlichen Standardwerk aus der DDR, nachdem zuvor erläutert wurde, wieso im Kapitalismus große städtebauliche Entwürfe so schwer möglich sind. Man staunt, Frankfurt in dieser Liste zu sehen, und man staunt noch mehr, wenn man das prominent auf der Seite angeordnete Bild von Frankfurt betrachtet.

Aus Thiel, Erika/Frick, Mechthild: Kunstfibel, Berlin 1989

Aus Thiel, Erika/Frick, Mechthild: Kunstfibel, Berlin 1989

Es zeigt nämlich etwas, was es nicht mehr gibt und was es schon 1989, als diese Ausgabe der „Kunstfibel“ erschien, nicht mehr gab: Frankfurts zerstörte Mitte.

Römerberg wird sie im Text genannt, aber der Name scheint unzureichend. Tatsächlich handelt es sich um einen langgestreckten vielgestaltigen Platzbereich, der sich vom Römer im Westen bis zum Dom im Osten erstreckt. Sein Grundgerüst bildet im Westen, wo sie den Römer und ein erhaltenes Fachwerkhaus aufnimmt, und angrenzend ein kleines Stück im Norden, Bebauung aus den Fünfzigern, die mit ihren Walmdächern und ihrer horizontalen Fassadengliederung so konservativ, aber nie historistisch ist, daß man sie kaum wahrnimmt. Prägend für den Platz hingegen sind zwei Gebäude aus den Siebzigern: das Kommunale Kino, später Historisches Museum, ganz im Westen der Südseite beim Durchgang zum Main, das am stärksten durch einen Kubus aus Beton wirkt, und das Technische Rathaus an der Nordseite (im Bild ganz rechts). Es ist ein sehr komplexer Bau, bei dem sich auf einem vielfältig durchlässigen Sockelbau aus Terrassen, Passagen und Pavillons, drei unterschiedlich hohe Bürotrakte mit einer vorgehängten Fassade aus horizontalen Betonstreifen erheben. Vor dem Technischen Rathaus, wo auch die Eingänge zur U-Bahn und zu einem unterirdischen Parkhaus sind, befindet sich ein tiefergelegter Bereich, der Archäologische Garten, in dem man Fundamente bis in die Römerzeit zurückreichender Bauten betrachten kann.

Gerahmt von selbstbewußt fortschrittlicher Architektur sind so die wichtigsten Zeugnisse der Frankfurter Geschichte in ein neues Verhältnis zueinander gesetzt. Durch den neuen Raum zwischen ihnen werden sie gleichsam zum Sprechen gebracht. Der Römer, das alte Rathaus, tritt ins direkte Zwiegespräch mit dem mächtigen rotsandsteinernen Turm des gotischen Doms, der mit so viel Raum um sich gleich viel menschlicher wirkt. Aber auch die Nikolaikirche im Südwesten des Platze, die, wiewohl ebenfalls gotischen Ursprungs, so viel zarter und zierlicher wirkt als der Dom, kann sich zu Wort melden. Und irgendwo dazwischen liegen bescheiden schweigend in dem Wissen, Grundlage von allem weiteren zu sein, die römischen und fränkischen Fundamente. Solchen Gesprächen der Stadt lauschend und eigene führend konnten sich die Menschen frei bewegen oder verweilen, hier war städtisches Leben möglich. Was Frankfurt hier hatte, war nicht weniger als ein luxuriös großzügiger neuartiger Raum, der ein öffentliches Gegengewicht zu den Bankhochhäusern im westlichen Stadtzentrum, die hinter dem Römer aufragen, und zur nahen Einkaufsstraße Zeil bildeten. Das war die „umfassende Konzeption“.

Doch diese zu erkennen erfordert heute mehr archäologisches Gespür als die Betrachtung der Fundamente und anders als bei diesen helfen einem keine Informationstafeln. Nichts nämlich haßt das Kapital mehr als großzügig genutzten städtischen Raum in guten Lagen. Doch das Kapital hat auch keinen Geschmack und keine ästhetischen Präferenzen. Da sich Hochhausbauten oder Einkaufszentren dort nicht hätten durchsetzen lassen, ließ es also das nostalgische Kleinbürgertum, das den, wenn auch bloß städtebaulichen, Neuanfang nach 1945 nie akzeptiert hatte, keine zehn Jahre nach Fertigstellung des Platzes in dessen Mitte die sogenannte Ostzeile, deren Fassade alte Fachwerkhäuser nachahmt, bauen. Diese Ostzeile ist ein äußerst erfolgreiches Gebäude, das meistphotographierte in Frankfurt wohl. Den asiatischen Touristen wird auch egal sein, daß sie ähnlich authentische Fachwerkhäuser auch in den Disneylands ihrer Heimatländer finden könnten. Nachdem so der erste Schritt getan war, wurde einige Jahre später zum Dom hin das Kunstmuseum Schirn errichtet. Gegenwärtig nun, nach Abriß des Historischen Museums und des Technischen Rathauses, die zu sehr daran erinnerten, daß es einmal eine Zukunft gab, wird im Bereich zwischen Dom und Römer eine neue Altstadt gebaut. Damit wird das vor dreißig Jahren Begonnene vollendet und jede Sichtbeziehung zwischen Dom und Römer zerstört.

Die Befürworter des Neubaus der Altstadt sagen gerne, diese fördere städtisches Leben, aber das ist natürlich Unsinn. In der alten Altstadt gab es städtisches Leben, weil dort viele Menschen lebten und viele Geschäfte waren. Heute aber leben, arbeiten und shoppen die Menschen anderswo, das hätte sich so auch entwickelt, wenn die Altstadt nie zerstört worden wäre. Wieso irgendjemand in eine simulierte Altstadt fahren sollte, um dort städtisches Leben zu simulieren, ist schwer ersichtlich. Zumal es ja in vielen Frankfurter Stadtteilen noch wohlerhaltene Altstädte gibt. Die nächste, am anderen Mainufer in Sachsenhausen, ist heute ein Vergnügungsviertel mit Apfelweinkneipen und Diskos. Ihre Mischung aus erhaltenem Alten und der Einfamilienhausästhetik westdeutscher Vorstädte dürfte eine gute Ahnung von dem geben, was Frankfurt in ein paar Jahren stolz als seine neue Altstadt eröffnen wird.

Eine wirkliche Mitte jedoch hatte Frankfurt nur eine kurze Zeit in den Siebzigern. Es wußte das damals nicht, konnte es vielleicht auch nicht wissen, denn dieser wirklich öffentliche und städtische Raum war nur halb geplant, vielleicht nur halb gestaltet, einfach ein glücklicher Augenblick der Möglichkeiten. Seitdem hat Frankfurt einen Prozeß durchgemacht, dem auch die Städte der DDR seit 1990 ausgesetzt sind, und den man Friedenszerstörung nennen könnte. Und von einer solchen erholt sich eine Stadt nur schwer.

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