„Begegnungszonen“ in der Mariahilfer Straße

Es gibt genau zwei Möglichkeiten, große Einkaufsstraßen in kapitalistischen Citys zu gestalten. Als Beispiele sollen hier die Zeil in Frankfurt am Main und die Tauentzienstraße in Westberlin gelten. Beide Straßen ähneln einander sehr. Sie sind relativ breit und bebaut mit bis zu sechs-, siebengeschossigen Büro- und Kaufhausgebäuden in einer unüberschaubaren Vielfalt von Formen. Der Unterschied aber ist: die Tauentzienstraße ist noch heute eine normale Straße, zwischen deren zwar breiten Gehsteigen auf mehreren Spuren großstädtischer Verkehr fließt, während die Zeil in den frühen Achtzigern zur Fußgängerzone umgestaltet wurde. Der ihr so hinzugewonnene Raum ist heute mit Bäumen, Bänken, Brunnen und einigen Gastronomiepavillons gestaltet. Dies also sind die beiden Möglichkeiten: traditionelle Straße oder Fußgängerzone.

Auch die Mariahilfer Straße in Wien ist eine Einkaufsstraße wie Tauentzienstraße und Zeil. Um ihre Umgestaltung tobt derzeit eine hitzige Diskussion. Liest man von dieser bloß, und vielleicht noch unaufmerksam, könnte man meinen, es gehe hier darum, daß aus einer traditionellen Straße eine Fußgängerzone gemacht werden solle. Das ist aber nicht der Fall, oder jedenfalls nicht für ihren größten Teil. Was die Mariahilfer Straße seit ihrer Umgestaltung ist und abhängig von einer Bürgerbefragung Ende Februar bleiben wird, ist vielmehr eine bizarre Halbheit, ein Zwitter. Die Trennung von Gehsteig und Straße ist weiter vorhanden, jedoch ist die Straße nun „verkehrsberuhigt“, sie ist eine „Begegnungszone“.  Das heißt, daß auf ihr nun weniger Autos langsamer fahren. Abgeschafft wurden dafür die Fußgängerampeln. Theoretisch kann und soll man die Straße nun überall überqueren und sogar auf ihr gehen können, aber das verringert ihre trennende Wirkung nicht, es verstärkt sie. Die Straße wird zum Angstraum, in dem Fußgänger und Autos (sowie Radfahrer, die auch keinen Geschwindigkeitsbegrenzungen zu unterliegen scheinen) einander schutzlos begegnen. Traditionelle Straße und Fußgängerzone, Tauentzienstraße und Zeil, haben eins gemeinsam: Klarheit. Fußgänger und Autos kennen ihren Platz und wo sie aufeinandertreffen, ist das durch Ampeln klar geregelt. Auf der Mariahilfer Straße hingegen herrscht die Konfusion. Wie so mancher halbherzige Lösungsvorschlag vergrößert auch dieser das Problem nur noch.

Man kann davon ausgehen, daß die Planer aus der Mariahilfer Straße gerne eine echte Fußgängerzone gemacht hätten, ihnen aber sowohl Geld als auch städtebauliche Macht fehlten. Oder aber man kann in diesen „Begegnungszonen“ einen Auswuchs der Ideologie der „europäischen Stadt“, also der ahistorischen Verklärung der Stadt des 19. Jahrhunderts, sehen. Wie im 19. Jahrhundert Fußgänger und Fuhrwerke, sollen sich hier, mag es dann scheinen, Fußgänger und Autos den Straßenraum teilen. Abgesehen davon, daß dies schon damals nicht harmonisch, sondern von Dreck, Lärm und Unfällen begleitet vor sich ging, ist es widersinnig, von Autos zu verlangen, sich auf die Geschwindigkeiten von Fuhrwerken zu beschränken. Man kann die „verkehrsberuhigte“ Mariahilfer Straße somit sogar im Rahmen eines umfassenderen Rollbacks der Errungenschaften des 20. Jahrhunderts sehen. Während der, in Abwehr des Sozialismus entstandene, Sozialstaat sich durch die Trennung von Fußgänger- und Autoverkehr bemühte, den Menschen das Leben zu erleichtern, zwingt der gegenwärtige Staat den Menschen Entscheidungsfreiheit über lachhafte Banalitäten auf. Während der Fußgänger also früher an Ampeln sicher die Straße überqueren konnte oder in Fußgängerzonen ganz ungestört von Autos (und Radfahrern) war, muß er jetzt in „Begegnungszonen“ in jedem Moment auf Autos oder Radfahrer, die ihn überfahren könnten, achten.

Angesichts solch einer Wahl muß sich wohl auch jeder, der die Mariahilfer Straße gerne als Fußgängerzone sähe, wünschen, daß die „Verkehrsberuhigung“ aufgehoben und sie wieder zur traditionellen Straße wird. Aber es ist eine sehr traurige Wahl, die viel über die gegenwärtige Zeit sagt.

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Ein Gedanke zu „„Begegnungszonen“ in der Mariahilfer Straße

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