Annäherung an die Ringstraße

Die Ringstraße, genauer gesagt das Ringstraßenensemble zwischen Heldenplatz und Schottentor, ist ein eigentümlicher, widersprüchlicher Stadtraum.

Illustration von Siegfried Linke in Müller, Hans: Die Stadt – gestern und heute, Berlin 1989

Illustration von Siegfried Linke in Müller, Hans: Die Stadt – gestern und heute, Berlin 1989

Man kann die Ringstraße als ein Disneyland verstehen, als einen Themenpark, in dem man die architektonischen Attraktionen Europas besichtigen kann. Die Museen – etwas italienische Renaissance. Das Parlament – etwas griechische Antike. Das Rathaus – etwas flämische Gotik. Das Burgtheater – etwas Barock, immerhin österreichisch, wobei es von der Seite aussieht wie der Bahnhof einer neureichen Provinzstadt und so auch schöner ist als von vorne.

Alle Gebäude jedenfalls sind nach dem Prinzip der Übertreibung errichtet. An ihnen ist immer etwas zu groß und zu viel. Das Parlament hat gleich fünf Tempelportale und acht Quadrigen. Das Rathaus hat gleich fünf schlanke Türme, von denen der höchste fast hundert Meter hoch ist. Kunst- und Naturhistorisches Museum sind nicht ein, sondern zwei riesige Gebäude mit kuppelgekrönten Eingängen. Alle diese Gebäude sind schreckliche historistische Machwerke – jedenfalls für sich genommen. Aber dank dem Raum zwischen ihnen, den verschwenderisch großen Parkanlagen, muß man sie nie für sich nehmen.

Schlendert man durch diesen Raum, sieht man zwischen den Bäumen mal eine Quadriga,

QuadrigaParlamentWien

mal einen Turm,

RathausTurmWien

mal eine Kuppel.

MuseumKuppelWien

Wie losgelöst von ihren Gebäuden schweben sie dort, einen Moment nur, bevor etwas Neues in den Blick gerät. Zwischen den Bäumen ragen die Gebäude der Ringstraße hervor wie aus der Enge der Inneren Stadt die dortigen Türme und Kuppeln.

InnereStadtVolksgartenWien

Doch während einige Gebäude des alten Wien mehr Platz, der sie als Ganze erlebbar machte, verdient hätten, werden die Ringstraßenbauten erst dadurch erträglich, daß sie in der Vegetation nie ganz zu sehen sind. Der Park zwischen ihnen zerlegt sie in Einzelteile, die der Spaziergänger mit seinen Blicken fast beliebig wieder zusammensetzt. Der Park, könnte man sagen, lockert den schweren Historismus der Gebäude impressionistisch auf.

Mittelpunkt wider Willen ist der inmitten des Parks gelegene Theseustempel. Er hat als einziges der Gebäude des Ringstraßenensembles keinerlei Funktion – jedenfalls für sich genommen. Für das Ensemble aber wird er umso bedeutender, da er mit seinen zierlichen dorischen Säulen und dem niedrigen Dreiecksgiebel zeigt, was menschliches Maß ist. Einzig ihn kann und sollte man ganz und von Nahem sehen. Steht man zwischen seinen Säulen, helfen sie den Bäumen dabei, den Blick aufzuspalten.

SäulenTheseustempelWien

Seine menschlichen Proportionen erden alles ringsum. Der große offene Raum des Parks strahlt von ihm aus und erreicht die anderen Gebäude. Er hält sie auf Abstand. Durch diesen Raum werden die für sich genommen gänzlich unmenschlichen Gebäude der Ringstraße zwar noch nicht vermenschlicht, aber doch wenigstens für den Menschen erträglich.

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