Möbel Brestak

Ein kleines Haus Ecke Hütteldorfer Straße/Matzingerstraße im 14. Bezirk. Zweigeschossig, Walmdach, gänzlich unscheinbar. Es mag zwischen 1800 und 1850 erbaut worden sein, vielleicht früher, vielleicht später, Zeuge einer dörflicheren Vergangenheit der Gegend. Tatsächlich ist es so alt, daß es nicht mehr den aktuellen Straßenverläufen entspricht, sondern von der Hütteldorfer Straße etwas zurückgesetzt ist und außerdem leicht schräg zu ihr. Wer weiß, welchen Zufällen es seine Fortexistenz verdankt, während ringsum Mietshäuser mit vier, fünf Geschossen die alte Bausubstanz ersetzten. Um 1910 wurde es von diesen modernen und repräsentativen Nachbarn womöglich als Schandfleck angesehen, ungeliebte Erinnerung an eine primitivere Zeit.

MöbelBrestakGesamt

Doch irgendwann in den fünfziger, sechziger Jahren tat es einen Sprung, der es unendlich weit vor seine Umgebung setzte. Eigentlich bekam es bloß ein recht dickes, mit dunklem Holz verkleidetes Vordach, das im Erdgeschoß die etwa dreieckige spitze Fläche hin zur Hütteldorfer Straße überspannt. An der Straßenecke, wo eine Glastür ist, steht das Vordach zwischen der Hauswand und einer weißgetünchten Ziegelwand mit dem Namen „Brestak“ in roten Metallbuchstaben leicht über. Dann verläuft es, nur von zwei ganz dünnen und roten vorgesetzten Stahlstreben gehalten, entlang der Hütteldorfer Straße, zu der sich darunter rotgefaßte Glasflächen öffnen. Nach der zweiten dieser Streben schwenkt die Glasfläche quer zur Straße nach innen und es öffnet sich ein Eingangsbereich.

MöbelBrestakEingang

Den Abschluß bildet eine weitere weißgetünchte Ziegelwand, die an der Brandmauer des Nachbargebäudes emporwächst, aber nur bis zum Dachfirst des Hauses, und oben in weißen Buchstaben auf schwarzem Metall die Aufschrift „Möbel“ trägt. Genau auf diese Buchstaben blickt man durch ein von einer Plastikkuppel überwölbtes Oberlicht im Vordach.

MöbelBrestakOberlicht

Hinter dem offenen Eingangsbereich ist der Haupteingang des kleinen Möbelgeschäfts. Noch bevor man es betritt, noch während man recht eigentlich auf der Straße steht, blickt man durch das Glas bis zu einem kleinen Garten im Hinterhof. Die weiße Wand von außen setzt sich auch innen fort und vor ihr leitet eine Treppe, filigran und fast schwebend aus Stahl und hölzernen Stufen, ins Obergeschoß, um das sich eine Galerie legt. Auch in diesem zweiten Geschoß ist die hofseitige Wand fast völlig in Glasflächen aufgelöst.

Spätestens hier merkt man, daß das, was man zuerst bloß für ein angebautes Schaufenster, bloße modische Ladenarchitektur, halten konnte, viel mehr ist: eine wahre Umwandlung, ja, Neuschaffung dieses schlichten alten Gebäudes. Das Vordach, funktional und expressiv zugleich, ist wie ein Keil, aber einer, der das Alte nicht zerstört, nicht einmal stört, sondern repariert, vervollständigt. Es leitet, ob durch die Tür an der Ecke oder den Haupteingang, über ins Innere, wo sich das alte Haus ungeahnt großzügig und offen zeigt, und sogar noch weiter, ins bescheidene, aber wertvolle Grün des Gartens.

Vollendet wird die Architektur durch zwei außerarchitektonische Elemente. So hängt über dem Haupteingang das alte, noch in Fraktur geschriebene Schild mit Straßennamen und Hausnummer. Überall anders wäre es ein Symbol biederen Konservativismus‘, doch hier, auf dem dunklen Holz des schwebenden Vordachs, neben dem roten Stahl, wird es zum liebevoll aufgehobenen Erinnerungsstück, fast zum Kunstwerk. Ein tatsächliches Kunstwerk hängt im zweiten Geschoß, bei der Hausecke.

MöbelBrestakKunstwerk

Auf quadratischen Kacheln zeigt es rote, blaue und schwarze abstrakte Formen, in denen man rasch, unterstützt vielleicht von der zuvor erwähnten Beschriftung „Möbel Brestak“, einen Sessel erkennt, wie er mit dünnen Beinen und geschwungener Sitzfläche im Eröffnungsjahr gut im Schaufenster hätte stehen können. Indem es so zugleich Logo und selbstständiges Kunstwerk ist, entspricht es der Architektur, die zugleich völlig funktional und von größter Schönheit ist.

Möbel Brestak, das ist ein Möbelgeschäft als Gesamtkunstwerk.

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