Schönbrunn

Alles an Schönbrunn ist zu groß. Das Schloß selbst ist zu groß, der Ehrenhof ist zu groß, der Park und all seine Wege sind zu groß, das Große Parterre zwischen Schloß und Neptunsbrunnen ist zu groß, die streng geometrischen Beete darauf sind zu groß, der Neptunsbrunnen ist zu groß, der Hang, der dahinter ansteigt, ist zu groß und steil, die Gloriette, die diesen Hang abschließt, ist zu groß. Alles an Schönbrunn ist zu groß. Man spürt das bei jedem Schritt, den man um die Gebäude und durch den Park tut.

Um zu erfahren, wieso alles hier zu groß ist, muß man auf die, selbstverständlich zu große, Treppenanlage vor der Parkseite des Schlosses treten und genau aus ihrer Mitte über den Park schauen.

PanoramaSchönbrunn

Man ist hier tatsächlich in der Mitte von allem. Alles, was man um sich sieht, ist dazu bestimmt, von genau hier gesehen zu werden. Vor einem der breite Korridor, der mit den riesigen Beeten und steinigen Wegen des Großen Parterres beginnt, hinter dem Neptunsbrunnen als Wiese ansteigt und oben mit der Gloriette endet. Schräg zwei weitere breite Parkachsen. Am Ende der linken von ihnen steht ein Brunnen mit riesigem Obelisk, am Ende der rechten, kaum zu erkennen, der zierliche Rundbau in der Mitte des Tiergartens. Direkt nach links und rechts führen gerade Achsen ins Vage und Ferne der umliegenden Stadt.

Die Menschen auf all diesen weiten und zu großen Wegen wirken wie Ameisen, ob es nun wimmelnd viele oder verlorene einzelne sind. So will ein Kaiser und König die Welt sehen, ganz klar. Er im Mittelpunkt und alle anderen wie Ameisen. Was man in Schönbrunn sieht, ist denn zweifelsohne eine Ordnung; bloß ist es keine menschliche Ordnung. Nichts hier hat menschliches Maß, nichts hier will dem Menschen etwas Gutes. Schönbrunn ist der architektonische Ausdruck der Monarchie, nichts anderes.

Selbstverständlich kann es reizvoll sein, sich in dieser fremden, unmenschlichen Ordnung zu verlieren, selbstverständlich kann man eine masochistische Freude daran empfinden, als Ameise durch diese Welt zu wandeln, vielleicht gerade abends, wenn das Gewimmel geringer und die Schatten länger werden. Etwas annähernd Menschliches, etwas, das zu einem zu sprechen sucht, findet man schließlich auch noch: es sind die Statuen um das Große, viel zu große Parterre. Zwar stehen sie auf hohen Sockeln, aber man kann immer Abstände finden, von denen man ihnen gleichsam von Angesicht zu Angesicht gegenüber steht. Und sie wollen auch gesehen werden, sie sind das Einzige in Schönbrunn, was etwas anderes will als den Menschen zur Ameise zu machen. Entsprechend skeptisch schauen sie auch, wenn sie sie denn beachten, zum Klotz des Schlosses oder zur Gloriette. Von dort schauen zu ihnen und den anderen Ameisen drohende Adler hinab, ein normaler von der Gloriette und ein zweiköpfiger vom Schloß, so daß man wohl sagen kann, Schönbrunn liege im Banne eines Dreifachadlers.

Monarchistische, absolutistische Architektur also ist Schönbrunn, nicht aber deshalb auch typische Barockarchitektur. Wie völlig anders schon barocke Schloßarchitektur sein kann, zeigt in Wien das Belvedere. Oberflächlich betrachtet haben Schönbrunn und Belvedere gar manches gemein. Beide haben einen unteren und einen oberen Teil, zwischen denen der Hang ansteigt. Doch wo Schönbrunn jedes menschliche Maß fehlt, ist das Belvedere bestimmt davon. Wo sich Schönbrunn nur aus einer einzigen Perspektive erfassen läßt, ist das Belvedere von den verschiedensten Punkten immer als Ganzes zu überblicken. Wo Schönbrunn einen streng hierarchischen Raum bildet, ist das Belvedere ein Fließen.

Eine besondere Ironie ist es, daß die Gloriette in Schönbrunn mit ihren römisch stilisierten Haufen Kriegsbeute auf der Brüstung einzig der, nun, Glorifizierung der militärischen Macht Österreichs dient, während das Belvedere, errichtet vom größten Militärführer, den Österreich je hatte, Prinz Eugen von Savoyen, kaum martialische Motive hat. Gewiß war die Menschlichkeit des Belvedere eine Lüge, es war eben ein künstliches Paradies für einen, der der Kriege genug gesehen hatte, um sich auch noch zu Hause zu sehr mit ihnen umgegeben zu wollen. Aber sogar erlogene Menschlichkeit kann als Beispiel für das, was sein sollte, gelten, während Unmenschlichkeit immer Unmenschlichkeit bleibt.

In Schönbrunn empfiehlt es sich daher, abseits der großen Wege zu gehen, wenn schon Ameise, dann wenigstens nicht sofort im Blick dieser feindlichen Ordnung. Oder man setze oder lege sich, wie es ohnehin alle Touristen und Einheimischen klug genug sind zu tun, auf die Wiesen vor der Gloriette und schaue über diese schlechte Ordnung ins wenig bessere Chaos der umliegenden Großstadt hinaus. Oder man gehe in den Zoo, aber das ist ein anderes Thema.

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