Römische Zahlen

Auf vielen Kirchen, Brunnen und anderen öffentlichen Gebäuden in Rom kann man lateinische Inschriften mit den Namen des Papstes, der für ihre Errichtung verantwortlich war, und der Jahreszahl ihrer Errichtung lesen.

Gregor XIII. 1583 am Collegio Romano

Gregor XIII. im Jahre 1583 am Collegio Romano

Manchmal findet man auch zwei Zahlen, eine hohe und eine niedrige:

Clemens XI. im Jahre 1704/4 an einem Gebäude in der Via di San Michele

Clemens XI. im Jahre 1704/4 an einem Gebäude in der Via di San Michele

das Jahr nach Christi Geburt und das Jahr nach dem Regierungsantritt des betreffenden Papstes. Einige Papste hatten gar die sympathische Vermessenheit, die erstere Angabe wegzulassen, so daß man ihren Namen nachschlagen müßte, um die genaue Entstehungszeit des Gebäudes herauszufinden.

Pius IX. im Jahre 24 (1870) am Lungotevere Testaccio

Pius IX. im Jahre 24 (1870) am Lungotevere Testaccio

Am Piazza Augusto Imperatore (Kaiser-Augustus-Platz), einem faschistischen Platz zwischen Via del Corso und Tiber, findet man unter zwei zurückgesetzten Reliefflächen mit Fenstern zwei andere Angaben. Unter der ersten, die römische Waffen und Rüstungen zeigt, steht: A. MCMXL POST CHRISTUM NATUM (Jahr 1940 nach Christi Geburt).

PiazzaAugustoImperatoreRelief2

Unter der zweiten, die neuere Waffen bis hin zum Maschinengewehr und zur Gasmaske zeigt, steht: ANNO XVIII A FASCIBUS RESTITUTIS (Jahr 18 nach den wiederhergestellten Fasces [Rutenbündel als Symbol der Macht des römischen Reichs, später vom Faschismus übernommen]).

PiazzaAugustoImperatoreRelief1

So lernte der Faschismus vom Papsttum.

Noch klarer wird diese Verbindung an der Brücke, die das Papinksi hrvatski zavod Svetog Jeronima/Potinficio collegio croato di San Girolamo (Päpstliches kroatisches Kollegium vom Heiligen Hieronymus) an der südlichen Platzseite mit der zweiten der dazugehörigen Kirchen, Renaissancebauten mit barocken Fassaden, verbindet.

ZavodSvJeronimaBrücke

Über dem älteren Brunnen, der unten in die Stütze integriert ist, steht der Name des Papstes Clemens XIIII und die Zahl MDCCLXXIIII (1774), im Backstein darüber steht unter sehr stilisierten Fasces die Zahl XIX (19).

ZavodSvJeronimaBrunnen

Zum Glück ist all das heute kaum mehr verständlich. Auch die faschistische Architektur blieb für das Zentrum von Rom belanglos. Denn der Platz ist ein zwar großes und sehr zentrales, aber heute im Chaos der Stadt wenig markantes Ensemble. Das liegt zum einen an der engen und ungeordneten Stadtstruktur Roms, zum anderen daran, daß die Flußseite mit dem Museo dell’Ara Pacis (Ara Pacis-Museum) zugebaut ist, aber vor allem daran, daß das zentrale Augustusmausoleum weiträumig abgesperrt und hinter Bäumen sogar fast unsichtbar wird.

PiazzaAugustoImperatore

So ist das Ensemble, vielleicht ungewollt, sehr effektiv zerstört worden. Das Museum ist ein banaler Bau mit weißen Putzflächen, etwas Steinverkleidung und viel Glas, der anders als sein monumentaler, aber größtenteils gläserner faschistischer Vorgängerbau den Triumphaltar Ara Pacis, dem es gelten sollte, fast völlig versteckt. Die Behandlung des Augustusmausoleums wiederum, eines eigentlich riesigen Rundbaus, ist eine Art fehlgeleiteter Denkmalschutz. Es ist dasselbe Problem wie bei Zoos, die ihren Tieren angeblich artgerechte Gehege bauen, in denen die Besucher sie dann nicht mehr finden: Welchen Sinn hat ein antikes Denkmal, das niemand betreten oder auch nur wirklich sehen kann?

Daß die Zeit nach dem Faschismus keine eigene Zeitrechnung hervorbrachte, kann man ihr verzeihen; daß sie zu keiner Stadtplanung fähig war, die antike wie andere Gebäude zu etwas Neuem zu verbinden wüßte, ja, daß sie im Zentrum von Rom nicht einmal wie der Faschismus einen bescheidenen und konventionellen Platz schaffen konnte, und daß sie sich stattdessen hilflos an ein sinnlos gepflegtes Altes klammert, schon weniger.

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