Noch einmal zur Mariahilfer Straße und den „Begegnungszonen“

Im Februar 2014 schrieb ich anläßlich einer Volksabstimmung über die geplante Umwandlung der Mariahilfer Straße, einer der größten Wiener Einkaufsstraßen, in eine sogenannte Begegnungszone, die von Autos, Radfahrern und Fußgängern gleichberechtigt genutzt werden soll. Damals schloß ich, daß für Fußgänger eine Straße das kleinere Übel ist als eine solche Begegnungszone. Das muß ich jetzt, da die Umgestaltung der Mariahilfer Straße beendet ist, revidieren.

Was ich damals nicht begriff, war, daß das alles nicht so gemeint war. Das Gerede von einer Begegnungszone war bloß eine, ganz bewundernswert kluge, taktische Maßnahme, um Radfahrer und moderate Autofahrer für das Projekt zu gewinnen. Doch praktisch gesehen ist die veränderte Mariahilfer Straße eine Fußgängerzone, da sie meist so belebt ist, daß Autofahren unmöglich und Radfahren schwer ist.

Nicht verändert jedoch hat sich meine Meinung zur Idee der Begegnungszone. Sie ist nichts anderes als eine romantische Verklärung des 19. Jahrhunderts. Um zu zeigen, wie wenig praktikabel sie auch ist, sei in Blick in die Niederlande, das Musterland des Fahrradverkehrs, getan. Kleinere Straßen sind dort, nicht anders als hier, von Fahrrädern und Autos gemeinsam genutzt. In den Hauptverkehrsadern in den Städten aber fiele es keinem Fußgänger ein, auf einem Fahrradweg zu gehen, kein Radfahrer würde auf einem Gehweg fahren und auch die Autos halten sich an die für sie bestimmten Fahrbahnen. Es gibt keine Begegnung, sondern eine Trennung der Wege nach Geschwindigkeiten, ganz wie sie Le Corbusier im Punkt 60 der Charte d’Athène (Charta von Athen) forderte. Begegnungszonen auf Straßen wie der Mariahilfer Straße wären bei einem Fahrradaufkommen in niederländischen Dimensionen ungefähr so sinnvoll wie es Begegnungszonen auf Autobahnen bei hiesigem Autoaufkommen wären.

Falls das Radfahren hier einmal wirklich beliebt werden wird, werden die Radfahrer als erste das Ende der Begegnungszonen verlangen. Bis dahin müssen sie sich eben durch Fußgängerzonen schlängeln, die, egal wie sie heißen, den Fußgängern gehören.

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