Tschechoslowakische Bahnhöfe: Beroun

Schon von weitem ist der Bahnhof der westlich von Prag gelegenen Stadt Beroun als Werk der Tschechoslowakei zu erkennen.

NádražíBerounBahnsteige

Von links schiebt sich ein viergeschossiger Bürobau quer an die Gleise heran, als wolle er mit den Felsen rechts konkurrieren, dazwischen sind die Bahnsteige mit ihren flügelgleichen Dächern. Schon die Mauern um die Treppen zeigen die Verkleidung aus kleinen quadratischen Kacheln in einem schimmernden Grün, die das Äußere wie das Innere des Gebäudes bestimmen. Schon über den Treppen wird diese Verkleidung aber auch zum ersten Mal durch ein eckiges Muster aus Stein- oder Keramikplatten unterbrochen.

NádražíBerounUnterführung

In der Unterführung setzt sich diese abstrakte Ornamentik dann in verstärkter Form fort und auch an den Wänden jenseits der Zugänge zur etwas niedriger gelegenen Bahnhofshalle findet sie sich.

Die Halle öffnet sich nach links und rechts parallel zu den Gleisen.

NádražíBerounHalle

Über dem mit den grünen Kacheln verkleideten Erdgeschoß steht eine Leiste aus silber gefaßtem Plexiglas hervor, in der die verschiedenen Dienstleistungen des Bahnhofs bezeichnet sind. Darüber sind die Wände im linken wie im rechten Teil der Halle in Streben aufgelöst, wobei sich zwischen ihnen bahnsteigseitig Räume und stadtseitig Fenster nach außen öffnen. Doch Blick und Weg gehen beim Betreten der Halle unweigerlich geradeaus, wo sie sich zum Ausgang hin fortsetzt. Lamellen in der Decke betonen diese Richtung und alles wird dominiert vom großen Glasbild über den Türen.

NádražíBerounGlasbild

Das Werk des Künstlers Jiří Kovářík zeigt rechts der Mitte eine große braune Frauengestalt, die links aus der erhobenen Hand Tauben auffliegen läßt und rechts in der Hand ein blaues Tuch hält, das weiter zum Fluß wird. Um sie sind Szenen der Arbeit, im Bergwerk, auf dem Feld, beim Fischfang im Fluß, im linken Teil Ritter in Rüstungen, teils zu Pferd, an den Rändern heller eine Familie und sich sonnende Frauen. Die Formen sind reduziert realistisch, stark das Runde betonend, und das Sujet ist so gefällig, daß 1975, als der Bahnhof gebaut wurde, ein Bezug zum Sozialismus hätte behauptet werden können und es heute niemanden stören kann. An der linken seitlichen Wand der Halle ist zudem ein Relief auf dunklen Keramikplatten, das zwei Adlige bei der Jagd vor einem Panorama aus Landschaft und Stadt zeigt.

NádražíBerounRelief

Draußen begrenzt der Bahnhof mit dem Bürotrakt, dessen Horizontalen von Bändern grüner Kacheln betont werden, und der Halle, aus der der Eingang wie ein Rahmen vorragt, einen Vorplatz.

NádražíBerounVorplatz

Die Stadt selbst ist erst hinter der aufgestützten Autobahntrasse zu erahnen.

Insgesamt ist der Bahnhof Beroun ein solides, aber nicht herausragendes Beispiel tschechoslowakischer Bahnhofsarchitektur. Sein Aufbau zeigt klare Gemeinsamkeiten mit den Bahnhöfen in Pardubice und Cheb, doch er hat weder die funktionale Klarheit des ersten noch das klare künstlerische Konzept des zweiten. Vielmehr wirkt die Ornamentik der Bahnsteigzugänge etwas beliebig und überladen und auch das Glasbild und das Relief haben keinen sehr deutlichen Bezug zum Ort oder zueinander.

Nett ist jedoch immerhin, daß der Bahnhof seit seiner Eröffnung kaum verändert wurde. So kann man, was seltener wird, in Beroun einen tschechoslowakischen Bahnhof im Urzustand betrachten. Noch gibt es etwa die Pragotron-Anzeigetafeln

NádražíBerounPragotron

und sogar auf dem Verbotsschild am Bahnsteigende wurde nur das S entfernt, um aus den ČSD (Československé státní dráhy – Tschechoslowakischen Staatsbahnen) die ČD (České dráhy – Tschechischen Bahnen) zu machen.

NádražíBerounČSD

Auch in der Bahnhofskneipe, der nádražka, im rechten Teil der Halle scheint die Zeit stehengeblieben. Nicht die Suche nach architektonischer Größe, sondern tschechoslowakische Nostalgie könnte also zum Bahnhof von Beroun führen.

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