Tschechoslowakische Bahnhöfe: Cheb

Cheb hat einen Weltraumbahnhof. Das mußte vielleicht so sein in dieser Stadt ganz im Westen von Böhmen, mit deren Bahnhof sich die Tschechoslowakei 1962, kurz nach Sputnik und Gagarin, den von weiter westlich, das heißt aus Westdeutschland, kommenden Besuchern präsentierte.

NádražíChebBahnsteige

An den flügelartig schwebenden blauen Dächern der Bahnsteige merkt man noch nichts, solche gibt es oft. Doch wenn man durch die Unterführung den Bahnhof betritt, ist alles klar. Zu beiden Seiten öffnet sich die zweigeschossige Bahnhofshalle, im unteren Teil Schalter und Geschäfte, im oberen Teil nach vorne Fenster, nach hinten gewellte Plexiglaswände, an der Decke ein weiß-blaues Karomuster und am Ende jeweils Mosaike.

NádražíChebMosaik1

Sie scheinen erst gänzlich abstrakt, doch dann werden die weißen, gelben und orangenen geschwungenen Linien auf dem Untergrund aus Blautönen als Weltraumlandschaft, in der auch stilisierte Raumschiffe nicht fehlen, erkennbar.

NádražíChebMosaik2

In der Mitte, wo man zwischen zwei runden, nach oben hin breiter werdenden Stützen steht, ist die Halle etwas schmaler und niedriger.

Aus Cheb - Obrazový soubor 15 barevných listů v obálce, Praha o.J.

Aus Cheb – Obrazový soubor 15 barevných listů v obálce, Praha o.J.

Über dem Zugang zur Unterführung hing früher eine Uhr, jetzt eine digitale Abfahrtsanzeige.

NádražíChebEingang

Über dem gläsernen Ausgang, den ein weiteres Stützenpaar rahmt, ist ein buntes Glasbild, das inmitten von Formen, die denen der Mosaike ähneln, eine Frauengestalt zeigt.

NádražíChebGlasbild

Erst wenn man vor dem Bahnhof steht, merkt man, daß quer über die Hallenmitte ein fünf weitere Geschosse aufragender Bürotrakt gesetzt ist, der außen von zwei der runden Stützen getragen wird.

NádražíChebAußenVorne

Die Schmalseite über dem Eingang ist mit roten Kacheln verkleidet und dort hängt eine Plastik aus Metall, die noch einmal die Formen der Mosaike und des Glasbilds aufnimmt, aber außerdem, assymetrisch auf der rechten Seite, das Wappen der Stadt zeigt.

NádražíChebPlastik

Von außen ist der Bahnhof klar aufgebaut: vorne lange flache Trakte, die sich links als Kolonnaden öffnen, dahinter etwas später ansetzend und höher die Halle und in der Mitte quer und hoch aufragend der Bürotrakt, dessen Breitseiten durch vertikale Streben strukturiert sind und oben in Leuchtbuchstaben den Namen Cheb tragen.

NádražíChebAußenSeite

Über den weiten Vorplatz betrachtet, scheint der Bahnhof so selbst zur Rakete werden und abheben zu wollen.

Eng verwandt ist der Bahnhof Cheb dem Bahnhof Pardubice.

NádražíPardubiceAußen

Das ist kein Wunder, er entstand nur wenig später und unter der Verantwortung desselben Architekten. In Cheb sind die Elemente aus Pardubice – Halle und Hochhaus – wieder aufgenommen, aber neu und völlig anders zusammengefügt. Während sie in Pardubice in unpathetischer Funktionalität nebeneinanderstehen, steigern sie sich in Cheb zur Mitte hin, so daß eine sehr expressive Form entsteht. Während in Pardubice alle Eingänge der Halle gleichwertig sind, betont in Cheb alles den Haupteingang in der Mitte. Aus denselben Elementen entsteht also einmal ein funktionales und einmal ein expressives, man könnte sagen: monumentales Gebäude. Dieser Vergleich spricht erst einmal gegen den Bahnhof in Cheb, da er sich nicht begnügen mag, einfach seine Funktion zu erfüllen, sondern noch etwas darstellen will. Sicher kann man diesen Versuch, Weltraumbahnhof statt nur Bahnhof zu sein, leicht lächerlich finden. Aber zugleich ist er auch sympathisch. Und wie er von der Gebäudeform über eine Plastik draußen und ein Glasbild über dem Eingang bis hin zu zwei Mosaiken in der Halle alles der Weltraumthematik unterordnet, ist durchaus gelungen. Während die beiden Mosaike im Bahnhof Pardubice ohne Zusammenhang untereinander oder mit dem Gebäude sind, folgen die Kunstwerke im Bahnhof Cheb einer übergeordneten Konzeption. Sie zeigen auch, wie abstrakte Kunst, indem sie eine klare Thematik hat und Bezug sowohl auf den Ort (das Wappen) als auch auf den Menschen (die Frauengestalt) nimmt, mehr als bloß dekorativ wirken kann.

Am besten wird man dem Weltraumbahnhof Cheb gerecht, wenn man ihn als ein Experiment für eine neuartige Synthese von Architektur und bildender Kunst versteht, als ein Gesamtkunstwerk letztlich. Und da er darüber nie vergißt, daß er eben doch seine prosaische Funktion erfüllen muß – was spricht dagegen? Die Tschechoslowakei hätte sich an der Grenze zu Westdeutschland ein weit schlechteres Aushängeschild bauen können.

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2 Gedanken zu „Tschechoslowakische Bahnhöfe: Cheb

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