Čistá

Das Dorf Čistá bildet gegenwärtig unter der Woche das Ende einer kurzen Trasse von Rakovník, deren Zukunft man schon am verlassenen und heruntergekommenen Bahnhofsgebäude, das ganz das Gegenteil des Ortsnamens, „die Saubere“, ist, erahnen kann.

ČistáBahnhof

Vom Bahnhof führt die Nádražní (Bahnhofstraße) im Schwung hinab ins Dorf. An den Seiten zuerst flache Einfamilienhäuser aus der sozialistischen Zeit, dann die typische dörfliche Bebauung. An der Kirche, einem kleinen Barockbau, der nicht einmal eine Zwiebelhaube hat, geht es weiter hinab auf den Platz, der unbescheiden Náměstí Václavské (Wenzelsplatz) heißt. Auf der einen Seite stehen direkt an ihm einige Häuser, aber markanter sind die höher an den dahinter ansteigenden Hängen gelegene Kirche und die Grundschule, die durch Treppen mit dem Platz verbunden sind.

ČistáNáměstíVáclavské

Auf der anderen Seite stehen das Rathaus, ein zweigeschossiger Bau, der mit seinem mittig aus dem Walmdach ragenden Turm wenigstens vorsichtig mit der Kirche konkurriert, und ein Kaufhallengebäude. Es ist zweigeschossig, das obere Geschoß leicht überstehend und abgeschrägt, rechts daneben ein Treppenhaus ganz aus Glas und abgerundet, das an den Prager Hauptbahnhof erinnert.

ČistáCoop

Es sind Gebäude wie diese, mit denen die ČSSR auch in der tiefsten Provinz präsent ist, passender Ausdruck eines Sozialismus, der den verzweifelten Versuch unternahm, mit dem Kapitalismus ausgerechnet im Bereich des privaten Konsums zu konkurrieren. Sie sind nicht sehr verschieden von den Supermärkten, die Lidl oder Netto in die zersiedelten Vorstädte oder überallhin, wo eben Platz ist, bauen. Der Unterschied ist weniger ein brillantes architektonisches Detail wie hier das Treppenhaus, das eine Ahnung von Zukunft nach Čistá bringt, als die Tatsache, daß Lidl oder Netto in solch einem kleinen Ort niemals eine Filiale eröffnen würden. In diesen Gebäuden sind heute meist Filialen von coop Jednota (Einheit), Erbin der Konsumgenossenschaften, diesem vergessenen und kaum noch zu verstehenden Teil der Arbeiterbewegung. Das ist schön und löblich, doch wie fern dieses Erbe ist, zeigen Werbeslogans, die nicht nur die tschechischen Produkte, sondern auch die tschechischen Verkäufer betonen, was sich offenkundig gegen die vietnamesischen Händler, die sonst oft kleine Geschäfte betreiben, richtet.

In Čistá gibt es um den Platz auch weitere Läden und Kneipen, sogar ein kleines Heimatmuseum. Möglich, daß es diese in Deutschland von Veränderungen im Kapitalismus weitgehend zerstörten Instanzen dörflichen Lebens in Tschechien noch lange geben wird, genau wie vielleicht die Trasse nach Čistá ein längeres Leben vor sich hat als der Bahnhof vermuten ließe.

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