Palais Kinsky oder Barocker Antiklimax

Barocke Stadtpaläste gibt es in Wiens Innerer Stadt viele. Sie sind auch neben den Kirchen diejenigen Gebäude, die am ehesten die Chance hatten, die Jahrhunderte zu überdauern, während die bescheideneren Teile des alten Wien im späten 19. Jahrhundert abgerissen und durch historistische k.u.k.-Klötze ersetzt wurden. Entsprechend sind all diese Palais mit all den Namen aus der Glanzzeit des Habsburgerreichs wohlrenoviert und ordentlich als Denkmäler ausgeschildert. Allein: die meisten von ihnen kann man nicht wirklich sehen. Eingezwängt in enge Gassen fehlt ihnen einfach der Raum, die Schönheiten, die sie haben mögen, zu entfalten. Man erlebt an diesen Gebäuden etwas, was man von Menschen kennt: Schönheit ist eine Frage des Abstands. Jeder hat, hoffentlich, schon einmal mit Verwunderung erlebt, daß ein schöner Mensch, sobald man ihm so nah war, wie man sich das vorher vielleicht sehnlichst gewünscht oder nie zu hoffen gewagt hatte, plötzlich nicht mehr schön war. Was zuvor ein harmonisches Ganzes gewesen war und daher schön, war nun aufgelöst in sinnlose Einzelteile, die nichts Schönes mehr hatten. Noch schlimmer ist mit den barocken Palästen in den engen Gassen Wiens, da man nie weit genug von ihnen entfernt sein konnte, um ihre Schönheit zu sehen. Und anders als bei einem Menschen, wo man nach der ersten Überraschung über die verschwundene Schönheit aus der Nähe andere Freuden ziehen kann – nicht ohne Grund schließt man beim Küssen die Augen – hat man rein gar nichts davon, einem Gebäude zu nahe zu sein.

Das Palais Kinsky hat dieses Problem nicht. Vielleicht eher aus Zufall als aus Erwägungen des Auftraggebers, dem die Wirkung seines Gebäudes für die Stadt egal sein konnte, solange es ihm nur repräsentative und zweckmäßige Innenräume bot, hat es vor sich den gesamten langgezogenen Platzraum der Freyung. Während man es beim Gang durch die Herrengasse leicht übersehen kann, ist das Palais Kinsky der Freyung ein markanter, wenn auch nicht monumentaler Abschluß.

FreyungPalaisKinsky

Grundgerüst seiner Fassade sind die acht ionischen Pilaster, die sich über das zweite und dritte Geschoß bis zu einem Halbgeschoß unter dem Dach erstrecken.

PalaisKinsky

Die vier vier äußeren sind noch normale Pilaster, aber schon die nächsten sind an der Basis etwas schmaler, so daß sie sich nach oben hin verbreitern. Zusätzlich sind die Außenseiten der Basis und des Kapitells andeutungsweise verdoppelt, als seien dort noch weitere Pilaster.

PalaisKinskyPilaster

Die mittleren Pilaster schließlich sind an der Basis noch schmaler und scheinen so noch steiler in die Höhe zu wachsen, obwohl die Kapitelle bei allen Pilastern auf der gleichen Höhe und gleich groß sind. Der Effekt dieser eigenartigen optischen Täuschung ist, daß die Fassade zur Mitte hin weit stärker vorgewölbt und höher erscheint, als sie es tatsächlich ist. All das dient zur Betonung des Tors.

PalaisKinskyEingang

Dieses wiederum ist so gestaltet, als wölbe es sich von außen nach innen, während nur ein eigentlich funktionsloses Sims das tatsächlich tut. An den Seiten schragt es schräg hervor und wird von dorischen Säulen getragen, über denen Amphoren stehen. Direkt neben dem eigentlichen Tor übernehmen Atlanten die tragende Funktion. Über ihnen streben zwei Teile eines gesprengten Rundbogens aufeinander zu, berühren sich aber nicht, sondern leiten ganz wie die Göttinnen, die auf ihnen lagern, zum mittleren Fenster des zweiten Geschosses über. Mit schräg gesetzten Seitenteilen trägt es das seine zur Illusion der Vorwölbung bei. Noch darüber ist zwischen zwei Putten das Wappen. Die gesamte Fassade also bemüht sich, obwohl sie fast völlig flach ist, so zu tun, als bestehe sie aus weit stärker differenzierten Volumen.

Geht man durch das Tor ist das Repräsentative der Fassade schnell vergessen. Man kommt zuerst in einen niedrigen rechteckigen Raum und dann in einen hohen runden Saal mit Kuppel, um den sich oben runde Fenster und Öffnungen gruppieren.

SkulpturenHalle

Die Skulpturen stehen nun auf der Höhe des Betrachters oder auf niedrigen Sockeln in Nischen und sind etwa lebensgroß. Allesamt zeigen sie Gestalten aus griechischen Mythen, wobei Vergewaltigungen ein Hauptthema zu sein scheinen.

SkulpturenVorraum

Alles Praktische, alle Gegenwart will das Gebäude seinen Besucher vergessen machen. Doch tritt man aus dem Kuppelsaal nicht in eine arkadische Landschaft, wo man es, so man das reizvoll findet, den Skulpturen gleich tun kann, sondern in eine Abfolge zweier enger prosaischer Höfe. Wenn man durch den Eingang links das Palais erst wirklich betritt, setzt sich der Prunk zweifelsohne noch fort, aber irgendwann muß doch auch hier ein Antiklimax folgen, da wenigstens einige der Räume nicht umhinkommen werden, eine Funktion zu erfüllen. Das ist der grundlegende Widerspruch jeder Architektur, die nicht zuerst funktional sein will.

Die einzige Möglichkeit, das arkadische Versprechen der Eingangssituation ansatzweise zu halten, wäre ein Park, da ein solcher wirklich keiner anderen Funktion als dem ästhetischen und sonstigen Vergnügen dienen könnte. Einen Park mitten in Wien konnten sich aber auch reiche Adlige nicht leisten. So zeigt sich, daß auch das Palais Kinsky, das im Vergleich zu vielen anderen Stadtpalästen viel Raum hat, nicht genug Raum hat. Alles am Barock strebt nach großzügigen, offenen Räumen, das ist sein fortschrittlicher Zug. Vor sich will er Raum, damit seine Fassaden wirklich zu sehen sind, hinter sich will er Raum, um die Klarheit und Üppigkeit, die seine Fassaden und Skulpturen versprechen, wirklich zu bieten. Erst in Landsitzen wie dem Belvedere kann der Barock also ganz zu sich finden.

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3 Gedanken zu „Palais Kinsky oder Barocker Antiklimax

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