Billig Einkaufen in Velké Meziříčí

Recht zentral in Velké Meziříčí steht ein großes neogotisches Gebäude. Roter Backstein, ein niedrigeres Satteldach vor einem höheren, Treppengiebel, Spitzbögen, an den langen Seiten und sogar vorne Strebepfeiler, der gegenwärtige Zustand nicht gut, nicht schlecht, sondern eben so, wie das bei einem unverputzten Backsteingebäude ohne größere Renovierungen oder Zerstörungen nach hundertfünfzig Jahren zu erwarten ist.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Der erste Gedanke ist, daß es eine Kirche sein könnte, doch Kreuze sind nirgends zu sehen und über dem Eingang steht „Centrum levného nákupu“ (Zentrum des billigen Einkaufs). Eine Markthalle also? Dann erkennt man verblassende hebräische Buchstaben in zwei weißen Streifen an der Eingangsseite. Eine Synagoge also.

Die Reaktion könnte nun Empörung sein: „Ein Billigladen in einer ehemaligen Syngoge! Also in Deutschland gäbe es so was nicht!“ Und das stimmt. Nachdem Deutschland seine Juden und die ganz Europas vernichtet oder vertrieben hat und nachdem die meisten der Täter im hohen Alter eines natürlichen Todes gestorben sind, kümmert es sich ganz rührend um jedes noch so kleine Zeugnis jüdischer Geschichte. Die Empörung derjenigen, deren Eltern und Großeltern dafür gesorgt haben, daß auch in hier in der mährischen Provinz keine Synagoge mehr gebraucht wird, sollte man also ignorieren. Sie ist auch, wie so oft, fehl am Platz denn in Velké Meziříčí gibt es eine zweite Synagoge, in der eine gegenwärtig geschlossene Ausstellung zur jüdischen Geschichte der Stadt ist.

Diese ältere Synagoge steht sogar gleich links neben der neogotischen. Vom Fluß aus betrachtet bilden sie ein harmonisches Ensemble, zu dem je nach Perspektive noch der hohe Kirchturm am Marktplatz hinzutritt.

Von der Straße aber ist sie so weit zurückgesetzt und hinter zwei Gebäuden versteckt, daß man sie leicht übersehen kann.

Egal jedoch, wo die Synagoge stünde, sie wäre nicht auffällig, da sie, wie bei derlei Gebäuden üblich, von einer großer Einfachheit ist.

Mit ihren tief in die weißgetünchten Mauern des unteren Teils einschneidenden spitzbögigen Fenstern wirkt sie gotisch, stammt aber aus weit späterer Zeit, dem späten 17. Jahrhundert.

Genausowenig wie das Gebäude lassen sich die filigranen Formen des steinernen Portals in enge Vorstellungen von Renaissance oder Barock einordnen.

Sonst gibt es keinerlei Schmuck. Links führt eine kleine Gasse um die Synagoge, deren Ecke wie die zweier Nebengebäude abgeflacht ist, um etwas mehr Platz zu schaffen. Hier ist noch die Enge des zwischen Straße und Fluß eingezwängten jüdischen Viertels von Velké Meziříčí zu spüren.

Die neue Synagoge, groß und sichtbar an der Straße, war damit ein Symbol des Hervortretens aus dem Ghetto und des neuen Selbstbewußtseins.

Es ist eine Tragik der jüdischen Emanzipation, daß die neuen großen Synagogen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden und deshalb zur historistischen Architektur dieser Zeit gehören. Auch die 1870 erbaute neue Synagoge von Velké Meziříčí ist architektonisch letztlich wertlos. Selten und ungewöhnlich ist jedoch, daß sie neogotische Formen hat. Üblicherweise sind Synagogenbauten dieser Zeit bestenfalls irgendwie neoklassizistisch und schlimmstenfalls orientalisierend. Innerhalb der engen Grenzen des Historismus war eine neogotische Synagoge ein klarer Bruch mit den Konventionen. Eine Synagoge in diesem Stil, der sonst Kirchen vorbehalten war, zu errichten, kann gar als progressiver Akt gelten, der aussagte, daß Juden zu Europa und nicht irgendwo in den Orient gehören. Angesichts der alten gotisch geprägten Synagoge nebenan wäre alles andere auch recht pervers gewesen. Das macht das Gebäude nicht gelungener, bloß interessanter, es sieht eben aus, wie anderswo, wenn auch eher weiter nördlich, Kirchen aussehen. Gerade das Nebeneinander von Alt und Neu erzählt viel über die jüdische Geschichte nicht nur der Stadt.

Es ist erfreulich, daß auch die neue Synagoge trotz allen Bemühungen der Deutschen noch in so leidlichem Zustand ist, wozu beiträgt, daß das Gebäude immerhin irgendwie genutzt wird. Die den Gegebenheiten, das heißt der kapitalistischen Restauration nach 1989, geschuldete Verbindung von Synagoge und billigem Einkauf ist nun ihr neuestes Kapitel. Das Geschäft wird, wie man, wenn man Tschechien kennt, sofort weiß, von Vietnamesen betrieben, hier unterstützt von mißtrauischen älteren Tschechinnen. Im niedrigen unteren Geschoß gibt es Kleidung aller Art und durchweg unbekannter Marken. Nur im Eingang sieht man noch die hölzerne Kassettendecke und an den Seiten die eisernen Säulen der Frauengalerie der Synagoge.

Dazwischen wurde eine neue Decke auf eigenen Stützen eingebaut.

Im Obergeschoß erstrecken sich Regale mit Kleinelektronik, Schuhen, Spielsachen, Geschirr und so ziemlich allem anderen, was man sich wünschen kann, unter dem hohen und spitzen hölzernen Tonnengewölbe des Synagogendachs, dessen mit Schnitzereien und Farben verzierten seitliche Balken und Träger seit der Entstehungszeit kaum verändert wirken.

Wenn durch das große runde Fenster am Ende des Raums Licht hereinfällt, kann man seine billigen Einkäufe in unverkennbar sakraler Atmosphäre erledigen (hier ein älteres Bild).

Man merkt so, daß auch die tatsächlichen Markthallen des späten 19. Jahrhunderts letztlich säkulare Kirchen waren.

Bis auf den Ort ist dieses Centrum levného nákupu ein recht typischer vietnamesischer Laden in Tschechien. Dafür sind die Vietnamesen eben da, das ist ihre Rolle, ihre Nische. Sie haben Ramsch- und Kleiderläden, aber auch kleine Lebensmittelläden in großen wie kleineren Städten, die auch dann geöffnet sind, wenn alles sonst geschlossen hat. Sie sind vielleicht nicht beliebt, aber auch nicht so verhaßt wie die indigene Minderheit der Roma; sie sind geduldet und werden gebraucht. Genau dieselbe Rolle hatten vor hundert Jahren in vielen kleineren Städten die Juden. Damals ging man für billige Einkäufe zum Juden, heute zum Vietnamesen (oder umgangssprachlich „k číňánům“, zu den Chinesen). Damit enden die Parallelen selbstverständlich auch schon und weder „die Juden“ damals noch „die Vietnamesen“ heute betrieben und betreiben alle Kramläden. Doch es entbehrt nicht einer traurigen Ironie, wenn heute der Sakralbau einer vernichteten Minderheit von einer völlig anderen Minderheit, die mit ersterer Vernichtung nichts zu tun hat und wohl auch nur schwer einen Bezug zu ihr haben kann, zu kommerziellen Zwecken genutzt wird. Vielleicht ist solch ein Neben- und Nacheinander nicht weniger wert als ein Museum.

Werbeanzeigen

2 Gedanken zu „Billig Einkaufen in Velké Meziříčí

  1. Pingback: Velké Meziříčí | In alten und neuen Städten

  2. Pingback: Čistá | In alten und neuen Städten

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.