Horní Cerekev

Vom Zug aus ist Horní Cerekev vor allem ein kleines Renaissanceschloß in Rot und Weiß, das sich mit seinen beiden zweigeschossigen Flügeln zu einem langgestreckten See öffnet.

HorníCerekevSchloß

Es ist, als stehe es nur dort, um sich und seine Spiegelung im Wasser der Bahnstrecke, die am anderen Ufer verläuft, zu zeigen. Der Bahnhof liegt weit vom Schloß entfernt am Rande des Orts.

Will man zurück, zum Schloß, ins eigentliche Horní Cerekev, kommt man durch einen neueren Ortsteil mit einem einzigen Plattenbau. Am Dům Kultury (Kulturhaus) vorbei gelangt man zum Ufer des Sees.

HorníCerekevDůmKultury

Groß, zweigeschossig, mit verzweifelt repräsentativem vertikalen Eingang will es offenkundig ein neueres, sozialistisches Gegenstück zum Schloß sein, hat sogar einen eigenen kleinen See, in dem es sich spiegeln kann. Doch etwas fehlt ihm; es ist einfach kein so guter Ausdruck seiner Zeit wie das Schloß der seinen. Zwischen beiden Seen verläuft ein kleiner Landstreifen mit einer Lindenallee, der schon wieder den Blick zum Schloß öffnet und vom Kulturhaus ablenkt.

Zurück an der Březinova (Březina-Straße) ist Horní Cerekev ein typisches Straßendorf, dessen kleine Häuschen der Straße ihre Giebel und Tordurchfahrten zuwenden. Bei ihrem Ende sind die Post und mehrere Läden, darunter das 1868 gegründete Kaufhaus Vichr. Dort stößt von links her der Náměstí T.G. Masaryka (T.-G.-Masaryk-Platz) auf die Straße. Die umgebenden Häuser sind ähnlich wie zuvor, einige repräsentativer, einige neuer. Auf der langen parkartigen Fläche stehen ohne Zusammenhang zueinander ein Brunnen, ein barocker Johannes von Nepomuk, eine Freundschaftsbank für die Partnerschaft mit dem schweizerischen Niederbipp und vor allem ein kompliziertes Denkmal, das in gewisser Weise die ganze tschechische Geschichte seit 1914 erzählt.

HorníCerekevDenkmal

Auf einer Stufenanlage steht ein Sockel mit Inschriften, auf dem eine hohe Stele und zwei seitliche Skulpturen aufragen. Die weißen Skulpturen sind Art Déco der Zwanziger, links eine Frau, die es trotz des Trauerkranzes in ihrer Hand nicht versäumt, erotisch zu wirken, rechts ein entsprechender Mann, für den der Bildhauer aber offenkundig etwas weniger Liebe aufbrachte. Das ist das ursprüngliche Denkmal für die tschechischen Toten des ersten Weltkriegs, was schon schwierig genug ist, da sie auf verschiedenen Seiten kämpften und starben: die einen in der k.u.k. Armee, die anderen aber in den tschechoslowakischen Legionen, also aus Freiwilligen und übergelaufenen Kriegsgefangenen gebildeten alliierten Einheiten. Im unteren Teil der Stele hängt ein Rahmen mit etwas, das wie Metallplättchen aussieht. Sie erinnern an einige Schlachten, an denen die Legionäre beteiligt waren: Dobrudža in Rumänien, Terron in Frankreich, Zborov in der Ukraine und „Dosso Alto“ (eigentlich Doss Alto) in Italien.

HorníCerekevDobrudžaTerronZborovDossoAlto

Doch auf die Stele wurde auch eine Büste des ersten tschechoslowakischen Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk, nach dem der Platz benannt ist, gesetzt und darunter ein Reliefbild des zweiten tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš gehängt. Wer weiß, wie oft sie entfernt, neu angebracht, wieder entfernt wurden und wer dort noch alles für eine Weile vertreten war. Schließlich hängt an der Stele noch ein Kranz für die Opfer der Konzentrationslager und die Inschrift nennt auch die Toten der Protektoratszeit.

Dominante des Platzes ist eine ursprünglich gotische Kirche, die jetzt unter weißem Putz aber gleichsam unsichtbar ist. Ihr freistehender Turm könnte wie ein Scharnier die beiden Achsen des Orts, Straße und Platz, verbinden, aber er ist von der Straße nicht zu sehen.

Und das Schloß? Es ist an seinem Ort so desinteressiert, wie es einst die deutschen Adelsfamilien, denen es gehörte, an den tschechischen Bauern von Horní Cerekev waren. Zwar steht es nur ein Stück hinter der Kirche, aber es gibt dem Ort nichts. Es erfreut sich nur an seiner Spiegelung im Wasser und weiß nicht einmal um die Blicke aus den vorbeifahrenden Zügen.

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