Zoo Liberec oder Zooarchitektur für Menschen

Anders als manches andere, das für die Geschichte und Gegenwart von Liberec wichtig ist, kann man den Zoo leicht finden. Man muß bloß mit der einzigen Straßenbahnlinie bis zur vorletzten Haltestelle der stillen, im Rhododendron versinkenden k.u.k.-Prachtstraße fahren und man hat vor sich, etwas oberhalb der Straße, den Eingang: ein einfaches aufgestütztes Vordach über den Kassen, an das sich links ein flacher Verwaltungsbau in grauem Stein und rotem Kunststoff um die Fenster anschließt.

Aus Technik, Svatopluk/Ruda, Vladimír: Liberec minulosti a současnosti, Ústí nad Labem 1980

Aus Technik, Svatopluk/Ruda, Vladimír: Liberec minulosti a současnosti, Ústí nad Labem 1980

Und wenn man dann rechts des Eingangs durch ein schmales Parkstück am Rande des Zoos entlanggeht, um zu einem großen Ausflugslokal und einem Denkmal für den ersten 1. Mai am Fuße der Jizerské Hory (Isergebirge) zu kommen, kann man so viele Tiere sehen, Hirsche, Moschusochsen, sogar Giraffen und Elefanten, daß man meinen könnte, ein Besuch im Zoo sei unnötig.

Das ist ein Irrtum. Erst, wenn man im Zoo ist, merkt man, wie wenig man von außen sah. Hinter dem Eingang sieht man erst einmal keine Tiere, sondern wird durch einen schmalen Weg zwischen Rhododendron geführt, ein verzögerndes Moment. Schon der obere Teil des Zoos ist von innen, wenn man viel näher bei den Tieren ist und vielleicht das Glück hat, daß sich eine Giraffe über eine Mauer zu einem herabbeugt, ganz anders,

GiraffenZooLiberecAußen

aber je länger man sich im Zoo bewegt, desto mehr merkt man, daß dieser obere Teil eben nur ein Teil ist. Im eigentlichen ist er, wie das berühmte Bärenschaufenster des Berliner Tierparks, eine Art Werbung, die Leute von außen hineinlocken soll. Vom oberen Teil führen serpentinenartige Wege den steilen Hang hinab. Diese schwierige Lage ist perfekt ausgenutzt, viele Gehege kann man von unten und oben betrachten, in einer Kurve sind große Volieren mit Eulen angeordnet.

Der untere Teil des Zoos, sein eigentliches Herz, zieht sich durch ein schmales Tal, das am Ende eine Biegung hat und mit einem großen Teich unterhalb des Zooeingangs endet. Während der obere Teil recht konventionell als Abfolge von Gehegen und Gebäuden gestaltet ist, hat der untere Teil gleichsam städtischen Charakter. Am spürbarsten wird das auf dem Stück zwischen dem Raubtierhaus auf der einen und einem Affengehege auf der anderen Seite, das wie eine Einkaufsstraße in einem großen fortschrittlichen Wohngebiet wirkt, aber erst in den frühen Neunzigern entstand.

LöwenschaufensterZooLiberec

Beider Fronten sind in größter Klarheit aufgebaut: oben ein überstehendes Flachdach, das am dicken Rand mit dunklen Holzschindeln und an der Unterseite mit weißem glatten Holz verkleidet ist, unten ein halbhoher Sockelbereich aus Beton und dazwischen Glas. Einige schräge Einbuchtungen rhythmisieren das Ganze. Die eigentlichen Gehege hinter diesen Fronten sind dann recht simpel aus Gittern aufgebaut.

LöwengehegeZooLiberecInnen

Es folgen links das Vogelhaus, ein zweigeschossiger Tonnendachbau mit Käfigen außen und innen, und rechts das Robbenbecken, bevor sich der Raum verbreitert zu etwas, das man einen großen Platz mit Flamingoteich in der Mitte bezeichnen könnte. Aufgehoben, als Erinnerung an die Geschichte des Zoos, der 1919 als erster in der Tschechoslowakei gegründet wurde, steht dort neben anderem auch das ehemalige Kassenhäuschen, ein runder Pavillon aus Holz.

Den Abschluß des unteren Teils des Zoos bildet das Paviangehege. An sich wäre es vielleicht nicht erwähnenswert, doch es stellt mit den benachbarten Gehegen der Mangusten und Erdmännchen die Grundfrage der Zooarchitektur, die auch eine der Grundfragen der Architektur überhaupt ist: Was ist besser, Ehrlichkeit oder Lüge, Klarheit oder Verwirrung? Das Paviangehege, Produkt der sozialistischen Architektur der frühen siebziger Jahre, wählt jeweils die erste Möglichkeit.

PaviangehegeZooLiberec

Die Felsen, auf denen die Paviane spielen, sind offenkundig menschengemacht, sie haben glatte, eckige Formen, wie sie in der Natur nie vorkämen, sie sind abstrakt. Das Gehege der Mangusten und Erdmännchen, in jüngster Zeit entstanden oder umgebaut, wählt die zweite Möglichkeit.

MangustenZooLiberec

Es ist eigentlich bloß eine eckige Box, allerdings umhüllt mit Felsen aus Pappmaché (oder was auch immer), die so tun, als ob sie echte Felsen seien. Die lächerliche Tendenz, die Natur nachahmen zu wollen, ist in der gegenwärtigen Zooarchitektur überall zu finden. Doch genauso wie historistische Stile durch ihre Nachahmung herabgewürdigt werden, geschieht es auch mit der Natur, wenn man sie nachahmen will.

Und sage keiner, es gehe um die Tiere! Hierzu genügt es, das Robbenbecken zu betrachten, das früher abstrakte Betonfelsen wie das Paviangehege hatte, heute aber mit allerlei Steinimitationen verstehen ist, obwohl im Mittepunkt noch immer die großartig künstliche Rutsche steht. Für die Robben ändert es doch nichts, wie die Felsen aussehen, sie wissen doch nicht weniger deutlich, daß sie nicht in der Natur leben. Nein, es geht um den Menschen. Ob der belogen werden will, wer weiß, aber man darf annehmen, daß die Kinder vor dreißig Jahren nicht weniger Spaß im Zoo hatten als heute. Jedenfalls ist es ein trauriger Irrtum, es gäbe natürliche oder weniger natürliche Architektur, da jedes menschliche Bauen gegen die Natur gerichtet ist. Lehmboden, Treppensäulen, die aussehen wie Bäume, Geländer, die aussehen wie Äste, das bringt einen nicht näher zur Natur. Was so entstehen kann, sind immer nur betrügerische Idyllen, die aber nicht einmal gut betrügen, weil sie nie jemanden täuschen.

Der Zoo ist ein Ort für Menschen. Wenn man zwischen Raubtierhaus und Affengehege geht wie zwischen den Schaufenstern eines Wohngebietszentrums, ist das nur angemessen, denn ob hinter den Scheiben Tiere oder Waren sind, sie dienen beide dem Genuß des Menschen. Die Zooarchitektur ist danach zu beurteilen, ob sie das offenlegt oder verschleiert.

Ein weiteres schönes Beispiel aus dem Liberecer Zoo ist das Giraffenhaus im oberen Teil.

GiraffenhausZooLiberecAußen

Ungefähr in L-Form fügt es sich an das ältere Elefantenhaus an, ein ganz mit roten Kacheln verkleideter Baukörper, in dessen einen Teil eine lange Futterkrippe mit hohem spitzen Holzdach gesetzt ist. Noch bevor man sich fragen kann, wie dieses afrikanisierende Element zu beurteilen sei, bemerkt man die beiden hangarartig hohen Türen, die schräg in die Spitze des anderen Teils gesetzt sind und jeder Gedanke an Afrika ist vergessen. Umso mehr, wenn man hineingeht, einen Gang entlang, eine Treppe hoch. Durch bis zum Boden reichendes Glas blickt man in den langen Stall der Giraffen, der ganz mit beigen Kacheln verkleidet ist.

GiraffenhausZooLiberec1

Links eine Futterkrippe, an der Decke weiße Querstreben, zwischen denen Licht hineinfällt, und gegenüber die Einbuchtung mit den beiden hohen Türen. In diesem Raum sieht man die Giraffen ganz anders als draußen.

GiraffenhausZooLiberec2

Man ist plötzlich auf Augenhöhe mit ihnen und begreift auch dank der Höhenangaben auf der Wand rechts, wie groß sie wirklich sind. Man steht vor dem Glas wie auf einer Kommandobrücke und würde sie nur halb wundern, wenn vor einem Techniker an den Geräten eines Raumschiffs säßen. Ja, die Giraffen werden zu Außerirdischen, ihr Stall zum Raumschiff. Und so, genau so, ist es auch architektonisch richtig. Eine Giraffe ist in Liberec so fremd wie ein Außerirdischer, wieso sollte ihr Stall also nicht wie ein Raumschiff aussehen?

GiraffenhausZooLiberec3

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