Die Bezirke der DDR und die Architektur

Die DDR war in fünfzehn Bezirke gegliedert. Ein Bezirk ist „in der DDR [eine] gemäß Gesetz über die weitere Demokratisierung des Aufbaus und der Arbeitsweise in den Ländern der DDR vom 23.7.1952 an Stelle der früheren Länder entspr. den politischen, staatlichen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen geschaffene territoriale staatliche Einheit“ (Meyers Neues Lexikon, Leipzig 1972). Die Schaffung der Bezirke muß man als bewußte Entscheidung sehen, den, keineswegs alten, aber ihre Namen noch auf alte deutsche Kleinstaaten (Mecklenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen) oder Landschaftsbezeichnungen (Thüringen, Brandenburg) zurückführenden Ländern, eine neue, spezifisch sozialistische Gliederung des Staats entgegenzusetzen. Benannt wurden die Bezirke nach ihren neuen Verwaltungszentren, den Bezirksstädten. Die alten geographischen Bezeichnungen blieben selbstverständlich weiterhin in Gebrauch, aber sie hörten auf, politische Unterteilungen zu bedeuten. Die Auflösung der Länder hatte so letztlich das Ziel, die DDR zu einer Einheit, in der die Unterschiede zwischen den Regionen langsam verschwinden, werden zu lassen.

Aus Autorenkollektiv: Von Anton bis Zylinder das Lexikon für Kinder, Berlin 1968

Aus Autorenkollektiv: Von Anton bis Zylinder das Lexikon für Kinder, Berlin 1968

Bei einigen Bezirken erkennt man auf den ersten Blick, nach welchen Kriterien sie gestaltet wurden. So nimmt der Bezirk Rostock die gesamte Ostseeküste ein und wurde auch Küstenbezirk genannt. Der Bezirk Potsdam wiederum ist so geformt, daß in ihm die gesamte Grenze zu Westberlin liegt. Bei den anderen ist es weniger offensichtlich. Im Laufe der Entwicklung der DDR bekamen einige Bezirke auch Beinamen, die sich auf ihre vorherrschende Industrie bezogen: Halle galt als Chemiebezirk und Cottbus als Energiebezirk.

Für die Betrachtung der Architektur der DDR ist es aus zweierlei Gründen wichtig, mit der Bezirksgliederung vertraut zu sein. Zum einen sollten die Bezirkstädte als Visitenkarten des Bezirks seine ganze Leistungsfähigkeit, aber auch seinen speziellen Charakter wiederspiegeln. Sie waren so auch die ersten Städte, die eine neue, dem Sozialismus angemessene Gestaltung bekamen, zuerst im Stadtzentrum, dann am Rande, wo ausgedehnte Wohngebiete entstanden. Während das bei großen Städten wie Leipzig oder Magdeburg ohnedies selbstverständlich ist, liegt es bei Städten wie Neubrandenburg oder Suhl, die vor und nach der DDR völlig bedeutungslos waren, allein an ihrem Status als Bezirksstädte. Zum anderen hatte jeder Bezirk eigene Baubetriebe, die eigene Gebäudetypen entwarfen und bauten. Das ist ein subtilerer, eher für das geschultere Auge erkennbarer, aber nicht weniger wichtiger Aspekt, denn er erklärt, wieso die Plattenbauten in Schwerin anders aussehen als die in Dresden. Gerade in der Architektur entwickelten die Bezirke der DDR so durchaus eigene Traditionen, soweit das eben in nur 37 Jahren möglich war, und die gilt es zu entdecken und zu verstehen.

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