Architektur für die suburbane Einöde

Wenn man im McDonald’s am Rautenweg im 21. Bezirk sitzt und auf die Kreuzung Julius-Ficker-Straße/Wagramer Straße blickt,

BlickMcDonald'sRautenweg

sieht man vor der Großfeldsiedlung und einer in Bau befindlichen neuen Wohnanlage die Strip Mall SeyMein, das Sportgeschäft Sport Eybl, einen Merkur-Supermarkt, eine Shell-Tankstelle und das Bordell Ici Paris Laufhaus. Nimmt man noch den Möbelmarkt und das Autohaus auf der anderen Seite hinzu, sind all der typischsten Geschäfte, die man so an den Rändern der Städte findet, vertreten.

Zu ihrer Architektur kann man wenig sagen. Man sieht ihr an, daß sie möglichst billig sein will, ohne billig auszusehen, weshalb es immer irgendwelche Dachkonstruktionen und Glasflächen gibt. Dabei wird sie aber andererseits auch nie wirklich auffällig, so daß man nicht von einer Architektur, die Kunden anlocken soll, reden kann. Wenn überhaupt etwas, dann ist es Architektur als Arbeitsbeschaffungsprogramm für Architekten.

Zur Einöde, die sie sind, macht Orte wie diesen die Organisation des Raums um die Gebäude. Dieser ist völlig dem Auto untergeordnet. Wo keine Straße ist, sind Parkplätze. Etwas Abstandsgrün und Gehsteige verschwinden dazwischen fast völlig, sie sind so unwichtig wie die Architektur der Gebäude. Was zählt, sind die Parkflächen und die Straßen. Dies ist die Stadt, wie sie nicht sein sollte, und es gibt keine Möglichkeit, an ihr etwas zu verändern, solange es keine neue Gesellschaft gibt.

Was Architektur aber vermag, wenn sie wenigstens weiß, was sie tut, zeigt der Merkur-Supermarkt im Hintergrund.

MerkurJulius-Ficker-Straße

Wie jeder solche Supermarkt ist er eine riesige Kiste inmitten eines großen Parkplatzes. Daß diese Kiste hier weiße Seitenwände mit abgerundeten Ecken, die nach vorne leicht abgeschrägt sind, hat, ist bloß ästhetische Spielerei. Daß ihre Vorderseite völlig verglast ist, bedeutet schon eine erhebliche Verbesserung des Einkaufserlebnisses. Das Vordach schließlich, eine milchig lichtdurchlässige Fläche, die auf vier großen V-Stützen aus Stahl weit über den Parkplatz ragt, ist eine wahre architektonische Leistung. Es ist wie ein ausgebreiteter Schirm, mit dem der Supermarkt die Autos aus der feindlichen Weite des Parkplatzes in seinen Schutz heranbittet. Auf dem Parkplatz selbst sind in vielen kleinen Beeten Bäume gepflanzt.

Der praktische Nutzen des Vordaches ist gering und die Bäume mildern die Kahlheit des Parkplatzes kaum, aber sie sind immerhin ein kleiner Versuch, das, was sich nicht grundsätzlich ändern läßt, zu verbessern. Man merkt dieser Architektur an, daß sie weiß, was sie kann und was nicht. Sie ist so klug, die suburbane Einöde zu affirmieren und ihr auf unprätentiöse Art etwas mehr zu geben als sie sonst hätte. Dadurch unterscheidet sie sich grundsätzlich von der billigen Fassadenarchitektur ringsum. Eine solche Klugheit und Prätentionslosigkeit ist auch das Einzige, was man sich von der gegenwärtigen Architektur erhoffen kann.

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