Gropius in der Roten Fahne vom 23. April 1930

Wenn man heute, in dieser späten Zeit, ein kommunistisches Blog über Architektur schreibt, muß man sich in jedem Moment bewußt sein, daß alles, was man sagen will, schon gesagt wurde. Denn Kommunisten wissen bekanntlich alles (Kommunisten, wohlgemerkt, nicht etwa jeder einzelne Kommunist. Genauso kann man auch das schöne „Lied der Partei“ des großen tschechoslowakischen Dichters Louis Fürnberg erst verstehen, wenn man beim Wort Partei nicht etwa an die Parteiführung, sondern an eine Kollektivität, der das Wir des Lieds selbst angehört, denkt).

Ein Beispiel sei dieser Text über Walter Gropius und das Bauhaus, der am 23. April 1930 im KPD-Zentralorgans „Die Rote Fahne“ erschien:

Aus Architektur der DDR, 7/76

Aus Architektur der DDR, 7/76

Für die, die keine Fraktur lesen können:

„Zeitgemäßes Bauen

Ausstellung Walter Gropius

Im Schinkel-Saal des Architektenhauses (Wilhelmstr. 92) sind Zeichnungen, Fotos, Modelle der Bauten des Architekten Walter Gropius zu sehen. Zwei Jahrzehnte: Bauten von 1911 bis 1930. Zwei Jahrzehnte intensivsten, konsequentesten architektonischen Schaffens.

Gropius ist ein Vorkämpfer zeitgemäßer Bestrebungen auf dem Gebiete der Architektur. Er ist einer der wesentlichen Architekten der Gegenwart. Seine Architektur ist, wie die der Besten unter den zeitgemäßen Architekten unserer Zeit, eine Architektur, deren Planmäßigkeit – in den letzten Konsequenzen – der wirtschaftlichen Anarchie des Kapitalismus widerspricht. Deshalb ist nur ein Bruchstück dieser architektonischen Bestrebungen im Rahmen des Kapitalismus zu verwirklichen. Im vollen Umfang setzt die Verwirklichung der Baupläne von Gropius – wie auch von Le Corbusier, Oud, Mies van der Rohe, Hilbersheimer, Haesler, Stam usw. – den Aufbau des Sozialismus durch die proletarische Diktatur voraus. Mögen viele zeitgemäße Architekten das klare Bewußtsein dieser grundlegenden wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge auch nicht haben. Die Klarheit, das Zuende-Denken, die Folgerichtigkeit im architektonischen Wirken von Gropius überwältigt. Hier wird vom Grundriß aus nach grundsätzlichen Überlegungen zweckmäßig und nicht von einer mit „historischen“ Schnörkeln verzierten Fassade aus altväterlich-dekorativ gebaut.

Charakteristisch: das erste Werk von Gropius ist eine Fabrik (eine Schuhleisten- und Stanzmesserfabrik 1911/1912) und nicht ein Palast. Große Glasflächen – Glas und Eisen. Glas nicht des „modernen“ Materials willen (wie bei manchen Glas-Eisen-Beton-Romantikern), sondern um den Arbeitern Licht, viel Licht bei der Arbeit zu gewähren. Allerdings hier könnte eine andere, noch gefährlichere Romantik einsetzen, als ob mit neuer Architektur die sozialen Probleme zu lösen wären. Das geplante Licht „für den Arbeiter“ bleibt heute selbst in der baulichen „Verwirklichung“ ein Plan, wird nicht Wirklichkeit, solange der Industriearbeiter Profite für die Bourgoisie schinden muß.

Und die zweckmäßigen Siedlungen sind nur eine schöne Attrappe, solange sie den wohnbedürftigen Massen der Werktätigen als Wohnung verschlossen bleiben, Licht, Luft, Sonne, Wohnruhe… ist wichtig als Ziel, ist aber für die breiten Massen des Proletariats im Rahmen des Kapitalismus nicht zu erschwingen. Da herrscht Dunkelheit, Stickluft, Enge, Nässe, Tuberkulose, Rachitis, Hunger, Wohnungsnot und Elend…

Die architektonische Leistung von Gropius erhält erst in der sozialistischen Perspektive ihren vollen sozialen Wert.

Trotz der architektonischen Fortschrittlichkeit ist zum Beispiel die „proletarische“ Siedlung Törten in Dessau enger, reizloser und unkomfortabler gebaut als die Meisterhäuser für die Bauhauslehrer in der Nachbarschaft. Auswirkung der bestehenden Klassengegensätze.

Außerordentlich wichtig die architektonisch großzügigen Siedlungen 1929/30: Dammerstock in Karlsruhe. Siemensstadt in Berlin und ein Entwurf zur Bebauung von Haselhorst. Der Bau des „Bauhauses“ ist ja bereits architektonisch zum Symbol der neuen Baubestrebungen geworden.

Es wäre viel über die Experimente von Gropius mit neuen Baumaterialien zu sagen, über seine Versuche, den Saisonbau durch maschinelle Herstellung von Häusern in Dauerbau zu verwandeln. Ein andermal.

Jetzt sei nur noch diese lehrreiche Ausstellung jedem Arbeiter zur Besichtigung empfohlen!

Dur.“

Viel mehr kann man zu dem Thema nicht sagen und man wünschte nur, irgendeine Ausstellung irgendwelchen Arbeitern empfehlen zu können.

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Ein Gedanke zu „Gropius in der Roten Fahne vom 23. April 1930

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