Das McDonald’s-System der Stadterkundung

Das erste, was ich mache, wenn ich mit dem Zug in eine neue Stadt komme, ist, zu McDonald’s zu gehen. Abhängig davon, wie hungrig ich bin und ob es diese Möglichkeit gibt, wähle ich auch keinen McDonald’s im Stadtzentrum, sondern einen am Rande, an einer Ausfallstraße.

McDonald'sKłodzko

Dabei geht es so sehr um das Stillen des Hungers wie um die Erkundung der Stadt. Der Weg zu McDonald’s ist ein Tasten, ein halbes Irren, das erst sein glückliches Ende findet, wenn mir irgendwo ein Schild den Weg weißt. Doch auch ab diesem Moment kann es noch eine Weile dauern, bis ich die goldenen Bögen wirklich in der Ferne aufragen sehe und schließlich wirklich im Restaurant sitze. Unweigerlich führt mich dieser Weg durch Teile der Stadt, die ich andernfalls nicht sähe, meist ein Gewirr von Vorstadtstraßen, Friedhöfen, Bahnstrecken, Gewerbegebieten. Es sind Teile der Stadt, die keine Sehenswürdigkeiten haben, an die man nicht denkt, wenn man ihren Namen hört, die aber nichtsdestominder zu ihr gehören. Denn Städte sind seit zweihundert Jahren schon mehr als ihre Altstädte. Und alles, alles an ihnen verdient, gesehen zu werden, will man sich nicht mit ahistorischen Idyllen zufriedengeben.

„Il caos della città“, „das Chaos der Stadt“, wie Pasolini es irgendwo nennt, ist es, dem man sich hingeben muß. Das heißt nicht, daß man alles, was man sieht, unkritisch affirmieren sollte, nein, man sollte vielmehr immer fragen, was gut, was schlecht ist, wodurch man irgendwann zwangsläufig ein diffuses, ständig sich wandelndes Idealbild von Stadt in sich trägt, mit dem man alles vergleicht. Aber sehen muß man, alles, möglichst viel. Nicht einmal Venedig wird man wirklich verstanden haben, bevor man nicht Mestre kennt.

McDonald'sInDeinerNähe

Lernt man auf dem Weg die Stadt kennen, so lernt man im McDonald’s ihre Menschen kennen, alle Klassen und Schichten, alle nebeneinander wie sie es sonst kaum irgendwo wären. Es ist daher mehr als Warhol-Zitat, wenn ich sage, daß die beiden wichtigsten Symbole für mich Hammer und Sichel des internationalen Kommunismus und die goldenen Bögen von McDonald’s sind. Ersteres steht für die Stadt, wie sie sein sollte, zweiteres dafür, wie sie ist. Völlige Widersprüche sind sie aber bloß unter gegenwärtigen Bedingungen und es ließ mich träumen, als ich erfuhr, daß 1988 im sozialistischen Ungarn ein McDonald’s eröffnet hatte. Alles, was an der Linken falsch ist, enthält hingegen die irgendwo aufgeschnappte Aussage, ein paar Reformen in der Sowjetunion seien ja ok, aber McDonald’s auf dem Roten Platz, das gehe nicht. Richtig wäre es genau andersherum gewesen.

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