Wrocław in Hildesheim

In der Sebastian-Bach-Straße in Hildesheim gibt es an einem unauffälligen Haus ein unauffälliges Wandbild.

GebäudeSebastian-Bach-StraßeHildesheim

Es zeigt nicht, wie es zwar tautologisch, aber zu erwarten wäre, Hildesheim. Eine zweitürmige gotische Kirche und ein Gebäude mit gotischen Treppengiebeln und Turm, das gibt es im romanisch geprägten Hildesheim nicht, und ebensowenig einen Fluß und einen eigentümlichen Rundbau. Auch das Wappen mit dem schwarzen Adler ist fremd.

Um zu zeigen, wieso dieses Wandbild bedeutsam ist, bedarf es einiger weitergehender Erklärungen. Es gibt in den westdeutschen Vorstädten unzählige Straßen, die nach Städten heißen, die es nicht gibt: Stettiner Straße, Glogauer Straße, Danziger Straße, Krummauer Straße, Iglauer Weg, um nur einige Beispiele zu nennen. Dies sind Städte, aus denen die dort in mehr oder weniger großer Zahl lebenden Deutschen nach 1945 auf alliierten Beschluß ausgesiedelt wurden, um eine friedliche Entwicklung Europas zu ermöglichen. Man könnte nun sagen, daß es nur naheliegend war, daß die ausgesiedelten Deutschen dort, wo sie sich in Westdeutschland niederließen, die Straßen nach ihren alten Heimatorten benannten – wenn man nicht wüßte, daß sich darin die fehlende Bereitschaft der Deutschen und des westdeutschen Staats, die Ergebnisse des zweiten Weltkriegs zu akzeptieren, und der Wille des deutschen Imperialismus, diese rückgängig zu machen, ausdrückte. Und sogar wenn man somit um alle politischen Hintergründe solcher Straßenbenennungen nicht wüßte, könnte man es nach siebzig Jahren, da kaum noch jemand, der sich an diese Städte erinnern kann, lebt, angebracht finden, die Realität nunmehr anzuerkennen und die Straßen nach den heutigen Städten umzubenennen: nach Szczecin, Głogów und Gdańsk in Polen und Český Krumlov und Jihlava in Tschechien also, um bei den Beispielen zu bleiben.

WandbildSebastian-Bach-StraßeHildesheim

Das Hildesheimer Wandbild nun ist eine künstlerische Entsprechung solcher Straßennamen, denn es zeigt die polnische Stadt Wrocław, die in der deutschen Zeit Breslau hieß. Man sieht eine Kirche, die der Kościół św. Marii Magdaleny (Magdalenenkirche) ähnelt, aber dort steht, wo der Dom stehen sollte, das Rathaus, die Odra (Oder), die Hala Ludowa (Volkshalle, besser bekannt als Jahrhunderthalle, da sie 1913 anläßlich der deutschnationalen Feierlichkeiten zum hundertsten Jubiläum der sogenannten Völkerschlacht bei Leipzig errichtet worden war) und das Wappen von Niederschlesien. Damit an der Gesinnung des Auftraggebers und Hausbesitzers keine Zweifel bleiben, sind auf dem Wandbild auch noch zwei Eichen. Und doch ist es vielleicht anders zu bewerten als die Straßennamen. Wo diese noch immer unweigerlich die diffuse Phantasie eines verlorenen großdeutschen Reichs hervorrufen, bewirkt das Wandbild – gar nichts. Da nirgendwo eine Beschriftung ist, wird nur jemand, der Wrocław gut kennt, überhaupt wissen, welche Stadt gemeint ist. Revanchismus als kryptische Anspielung auf vorstädtischen Hauswänden – damit läßt sich leben.

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