Bauen an Verkehrsachsen

„L’alignement des habitations au long des voies de communication doit être interdit“ (Die Anordnung von Wohngebäuden entlang von Verkehrsachsen muß verboten werden), fordert Le Corbusier im 27. Punkt der „Charte d’Athènes“ (Charta von Athen). Diese völlige Trennung von Verkehrsachsen und Bebauung wäre auch wirklich ein wünschenswerter Zustand. Da die neue Stadt aber nicht dadurch entsteht, daß man die alte einfach abreißt, wie Le Corbusier das in architektentypischer Realitätsfremdheit gedacht haben mag, sondern in einem äußerst komplizierten und langwierigen Prozeß der Veränderung, ist ein solches Verbot nicht realistisch.

Die Frage ist vielmehr, auf welche Art architektonisch mit dem Bauen an Verkehrsachsen umgegangen wird. Die ernüchternde Antwort lautet, wie zumeist: gar nicht. Entlang großer Straßen werden ohne jeden Gedanken Büro- und Wohngebäude in Blockrandbebauung errichtet.

Ein schönes Beispiel dafür, wie es anders geht, kann man in der Hadikgasse im 14. Bezirk betrachten. Beidseits des kanalisierten Wienflusses und der ebenso kanalisierten Strecke der U-Bahn bilden große Straßen, Hietzinger Kai und Hadikgasse, die wichtigsten Zubringer zur Autobahn nach Westen. Die Bebauung dieser Straßen besteht zumeist aus kleineren, bürgerlichen k.u.k.-Mietshäusern mit Vorgärten, die daran erinnern, daß es sich hier unter anderen Verkehrsbedingungen um bevorzugte Lagen gehandelt hat.

HadikgasseWienfluß

Bei der U-Bahnstation Braunschweiggasse wird dieses Einerlei unterbrochen. Ein Steg aus Beton überspannt den Hietzinger Kai, die U-Bahn, zu der er eine Verbindung schafft, den Fluß und die Hadikgasse. An dieser schließt er an den Gebäudekomplex Hadikgasse 128 an, der sich nach links erstreckt.

WohnanlageHadikgasseGesamt

Auf Straßenebene sind dort eine Tankstelle und die Einfahrten der Tiefgaragen, aber schon weit zurückgesetzt unter einer großen Terrassenebene, die die Grundlage für die übrigen Gebäudeteile bildet. Nur deren Rand, der sich von unten leicht emporschwingt und die Shell-Farben trägt, greift die Flucht der älteren Bebauung auf.

WohnanlageHadikgasseShell

Erst hinter Gärten mit üppigem Baumbewuchs steht ein drei-, mit Dachterrasse viergeschossiger Gebäudeteil, dessen Fassade ganz in abwechslungsreiche Balkone aufgelöst ist, während die Schmalseite von weißgetünchtem Beton und einem halbrunden Treppentrakt bestimmt ist.

WohnanlageHadikgasseBrücke

Es folgt ein weiterer Gartenbereich, durch den zwei Laubengänge an den nächsten Gebäudeteil anschließen.

WohnanlageHadikgasseLaubengang

Er ähnelt dem ersten, ragt aber elf Geschosse auf, so daß er zur Dominante der gesamten Umgebung wird.

WohnanlageHadikgasseHöhererTeil

Er steht schon weit von der großen Straße entfernt, fast an der Penzinger Straße, der Parallelstraße höher am Hang, aber auch von ihr noch durch einen Grünstreifen getrennt. Zu dieser Seite besteht dieser Gebäudeteil ganz aus Fenster- und Brüstungsbändern, die durch rechteckige vorgesetzte Teile rhythmisiert sind. Im Erdgeschoß sind ein Supermarkt und ein Kiosk.

WohnanlageHadikgassePenzingerStraßeUnten

Doch markant sind hier zwei Aufzugstürme, die monolithisch weiß mit abgerundeten Ecken und sehr schmalem vertikalen Fensterschlitz in den Grünstreifen stehen und mit Brückentrakten auf etwa jedem zweiten Stock an das Gebäude anschließen.

WohnanlageHadikgassePenzingerStraße

Wie dieses Gebäude in mehreren Stufen Abstand zwischen sich und dem Verkehr schafft, ist vorbildlich. Doch dem Menschen und der Stadt gibt es nicht genug. Die Brücke nämlich endet neben der Terrassenebene und zwingt den Fußgänger hinab in eine Querstraße, während auf ihr bloß private Gärten sind. Der zweite Gartenbereich ist sogar dem Blick der Öffentlichkeit weitgehend verschlossen.

WohnanlageHadikgasseGitter

Was in der Architektur angelegt, beinahe schon gelöst ist, ein neuartiger, offener städtischer Raum, wird von den kapitalistischen Eigentumsverhältnissen versperrt. Das erinnert an eine weit entscheidendere Forderung aus der „Charte d’Athènes“, ihren 95. und letzten Punkt: „L’intérêt privé sera subordonné à l’intérêt collectiv“ (Das Privatinteresse wird dem Gemeinschaftsinteresse untergeordnet werden).

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Ein Gedanke zu „Bauen an Verkehrsachsen

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