Der Humenné-Stil

Daß alle Gebäude in sozialistischen Ländern gleich aussähen, stimmt nie. Es ist immer entweder eine interessierte Lüge oder eine ungeübten Augen geschuldete Fehleinschätzung. Es stimmt jedoch, daß sich in den sozialistischen Ländern nur selten sehr ausgeprägte Lokalstile, die sogar Individualstile sein mögen, finden. Eine Ausnahme ist das ostslowakische Humenné. Hier gibt es einige Gebäude mit markanten verbindenden Merkmalen, die in anderen tschechoslowakischen Städten weniger häufig sind und auf die Arbeit eines bestimmten Architektenkollektivs mit vielleicht einer prägenden Persönlichkeit schließen lassen.

Beim Hotel Karpatia in der Nähe es Bahnhofs fände man noch nichts Auffälliges. Wieso sollte ein typischer sechsgeschossige Hotelbau auch keinen Sockel haben, in dessen zweitem Geschoß links ein Balkon verläuft, während rechts ein seitlich verglaster, vorne nur durch ein rundes Fenster geöffneter Raum auf zwei runden Stützen weit über den Eingang ragt?

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Auch das Urad mesta (Stadtverwaltung) am weiten Bereich westlich des Námestie Sľobody (Platz der Freiheit) ist für sich genommen noch nicht genug, um einen spezifischen Stil erkennen zu lassen. Die Schmalseiten haben helle Steinverkleidung, die von vorne mit einem Streifen heller Verkleidung unter dem Dach zu einem Rahmen für die regelmäßigen Bänder aus Fenstern und orangener Verkleidung wird. Sein Baukörper ist in vier Teile gegliedert, wobei der fünfgeschossige und höchste den Angelpunkt  bildet. Die beiden Teile vor ihm sind jeweils ein Geschoß niedriger und sowohl nach vorne als auch nach links versetzt, während hinter ihm ein viergeschossiger vierter Teil im Gegenteil nach hinten und nach rechts versetzt ist.

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Das ergibt einen eigentümlichen perspektivischen Effekt, beinahe so, als könne man die einzelnen Teile ineinanderschieben. Aber so markant das ist – dergleichen gibt es auch in Bratislava öfter.

Anders wird es beim Okresný súd (Kreisgericht) im südlichen Wohngebiet. Ein einfaches und typisches Bürogebäude, könnte man meinen. An den Schmalseiten weißgraue Steinverkleidung, an den Breitseiten Fensterbänder, silbrig graue Metallverkleidung und vertikale silberne Streben.

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Doch schon dieser Teil begnügt sich damit nicht, springt an der linken Schmalseite viergeschossig zurück, um dann doch wieder fünfgeschossig und mit einem steinverkleideten Dachaufbau sogar sechsgeschossig zu werden. Und dann ruht er auf einem dreigeschossigen Sockel, der als ein Wechsel von Steinflächen und geschosshohen Glasflächen kaum ansatzweise beschrieben ist. Rechts wie links wird er er zweigeschossig. Hinten links im dritten Geschoß hat ein Teil, ein Saal wohl, zur Steinverkleidung schmale vertikale Fenster. Weiter nach links setzt sich der Sockel in einem zurückgesetzten und noch aus vor- und zurückgesetzten Teilen bestehenden Nákupné stredisko (Einkaufszentrum) fort. Neben dem links quer angeordneten Eingang ist ein freistehendes dreigeschossiges Treppenhaus, das seine großzügigen Treppen durch eine, von Steinverkleidung gerahmte Glasfläche zeigt.

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Ganz und gar nicht einfach oder typisch, ist der Okresný súd ein Gebilde aus kompliziert verschachtelten kubischen Elementen, das auf den ersten Blick unmöglich vollständig zu erfassen ist. Hier ist das, was man Humenné-Stil nennen kann, schon in Reinform vorhanden.

Ganz ähnlich, aber horizontaler, linearer, zeigt der Stil sich in einer Ladenzeile, die vom Námestie Sľobody nach Westen führt. Sie beginnt mit einem langen Flachbau mit breitem Dach, vor dem in leichtem Abstand ein von je zwei eckigen Stahlstützen getragenes dünnes Vordach verläuft.

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Kurz vor dessen Ende Ende kommt ein zweites Geschoß dazu, das aber zwischen dem breiten Dachband des Flachbaus und seinem eigenen zuerst nur ein flaches Fensterband hat. Bald beginnen etwas zurückgesetzt ein drittes und ein viertes Geschoß mit Fensterbänder. Nach einem großen Fenster rückt das zweite Geschoß zum Vordach hervor, dessen Verlauf im Erdgeschoß von Kolonnaden aus runden Betonstützten fortgeführt wird. Auch ein Teil des dritten Geschosses rückt bald danach etwas nach vorne. Doch all das wird in den Hintergrund gedrängt durch einen kleinen Raum im zweiten Geschoß, der nach dem Ende des Vordachs bis weit über den Gehsteig hervorragt. Keine Stütze trägt ihn, er scheint zu schweben, während er sonst mit den beiden massiven Bändern von Dach und Brüstung und dem transparenten Band der Fenster ganz wie das übrige Gebäude aussieht.

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Auch hier erwachsen aus der scheinbar typischen Ladenzeile kompliziert auf- und ineinandergesetzte kubische Elemente.

Für sich genommen wären diese vier Gebäude bloß interessant, vielleicht hübsch, aber zusammen ergeben sie einen Stil. Auch an sich weniger auffällige Aspekte werden wichtig, wenn sie in den Kontext dieses Stils gesetzt werden. Der konventionell aufgestützte Raum vor dem Hotel ist dann schon ein Vorläufer des freischwebenden Raums vor der Ladenzeile und die voreinandergesetzten kleiner werdenden Kuben des Urad mesta haben weniger mit Bratislava als eben mit Humenné zu tun. Bezeichnend für den Humenné-Stil ist ein Spiel mit kubischen Formen. Was ein ganz gewöhnlicher Bürobau oder eine ganz gewöhnliche Ladenzeile sein könnte, wird auf überraschende Arten neu zusammengefügt, in eine Bewegung versetzt, ohne daß dabei die einzelnen Teile je anders als gewöhnlich aussähen. Es wirkt manchmal, als ob sich die gewöhnlichen Gebäude wehrten, nur gewöhnlich zu sein, oder ganz im Gegenteil, als ob die Gebäude noch nicht ihre endgültige Form erreicht hätten und noch etwas abgefeilt werden müßte. Obwohl die Funktionalität nie leidet, gibt es manchmal, etwa mit der Treppe des Okresný súd und vor allem mit dem schwebenden Raum der Ladenzeile, rein expressive Elemente.

Wer für die Entstehung dieses Lokalstils von Humenné verantwortlich war, läßt sich nur noch schwer herausfinden. Vielleicht lohnte es sich, das zu erforschen. Keinesfalls darf darüber aber vergessen werden, daß nicht die Formen einzelner Gebäude, sondern die aus standardisierten Gebäuden gebildeten Stadträume das Entscheidende und Neue an der Architektur des Sozialismus sind. Gebäude in einem Stil wie dem von Humenné können immer nur besondere Akzente innerhalb des Stadtganzen, dem sie untergeordnet bleiben, sein.

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2 Gedanken zu „Der Humenné-Stil

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