Der doppelte Hevelius

Johannes Hevelius ist der zweitberühmteste Astronom, um den sich Polen und Deutschland streiten. Oder jedenfalls streiten könnten, denn anders als für Kopernikus, nach dem ein ganzes Weltbild benannt ist, interessiert sich für Hevelius eigentlich niemand, typisches Schicksal der Zweitplatzierten. Auch eine Namensdiskussion – ob er nun sehr deutsch Johann Hewelcke oder dezent polonisiert Jan Heweliusz heißen sollte – erübrigt sich deshalb und ebenso der Hinweis, daß schon seine Verwendung des lateinischen Namens Hevelius in auf Latein geschriebenen Büchern zeigt, wie absurd es ist, aktuelle Nationalitätsvorstellungen auf das 17. Jahrhundert anzuwenden.

Bloß seine Heimatstadt Gdańsk erinnert sich noch an ihn und sie nennt ihn Jan Heweliusz, was hier also auch geschehen soll. So gibt es eine Gedenktafel an der Ecke Jana Heweliusza (Jan-Heweliusz-Straße) und Korzenna (Gewürzstraße):

heweliuszgdanskgedenktafel

An dieser Stelle standen die Häuser und das Observatorium des nach Mikołaj Kopernik berühmtesten Astronomen in der polnischen Rzeczpospolita Jan Heweliusz (28.1.1611 – 28.1.1687), Schöpfer der Werke: Selenographia – 1647, Cometographia – 1668, Machina coelestis – 1673 – 1679, Prodromus astronomiae – 1690, Mitglied der Royal Society in London, der sich der Unterstützung der Könige von Polen und Frankreich erfreute, Mitglied der Bank und des Rats der Altstadt Zum dreihundersten Jahrestag des Todes des Astronomen Die Einwohner von Gdańsk

Auf elegante Weise ist hier die leidige Nationalitätenfrage umgangen, indem nur erwähnt wird, daß Heweliusz Bürger der polnischen Rzeczpospolita, also des als Adelsrepublik unzureichend beschriebenen äußerst komplizierten polnisch-litauischen Staates der Zeit, war. Da Gdańsk zur Rzeczpospolita gehörte, ist das unzweifelhaft wahr. Daß er im Alltag deutsch sprach und polnisch überhaupt nicht, wird nicht bestritten, sondern einfach nicht erwähnt, da es für sein Wirken auch in der Tat belanglos war. Vielleicht mag Gdańsk Heweliusz auch deshalb lieber als andere seiner zwar berühmteren, aber allzu deutschen Söhne.

Auch zwei Denkmäler gibt es. Sie sagen fast erschreckend viel über Gdańsk und seine Beziehung zu Heweliusz aus – oder deren Fehlen. Beide stehen in einem Grünstreifen entlang des Kanał Raduni (Raduni-Kanals), nicht weit voneinander entfernt, das eine links, das andere rechts der Ulica Rajska. Aber Welten trennen sie.

Das erste Denkmal, geschaffen von Michał Gąsienica-Szosta, befindet sich etwas abseits der Straße, beinahe versteckt. Wenn man unter großen Weiden zwischen Dom Technika und Mały Młyn vorbeigeht, gelangt man in eine kleine Grünanlage. Bestimmt ist sie von zwei großen quadratischen backsteingefassten Beeten und Holzbänken in L- oder ל -förmigen Backsteinmauern. Im zweiten der Beete steht das Denkmal für Jan Heweliusz.

heweliuszgdanskvorne

Auf einer Säule sitzt er umgeben von zwei Ringen, an deren Kreuzungspunkten außen Planeten hängen, auf einem altmodischen Schalenhocker, der an den Seiten Köpfe hat, gekleidet in das lange Kleid und die breite Halskrause eines protestantischen Bürgers des 17. Jahrhunderts, ein geöffnetes Buch auf dem Schoß und den Blick mit in den Nacken gelegtem Kopf nach oben gerichtet, wo eine Sonne mit goldene Flammen ist. All das ist äußerst reduziert und doch eindeutig. Die steinerne Säule ist nur ein Zylinder zwischen zwei Würfeln, die Skulptur ist nicht mehr und nicht weniger als das Beschriebene, die Ringe sind schwarzer Stahl, die wenigen Himmelskörper an den Ringen sind bloß volle oder offene Kugeln. Einzig über Heweliusz lodert die Sonne, die nicht nur die eines fernen Sternensystems, sondern die der Aufklärung und des Fortschritts sein muß.

heweliuszgdanskherbst

Wie Heweliusz noch auf dem unnötig verzierten Hocker sitzt und schon zu den Sternen blickt, steht auch seine Skulptur am Treffpunkt von Alt und Neu. Nah sind das Dom Technika (Haus des Technikers), ein Bau aus sozialistischer Zeit mit Fensterbändern, Backstein, Beton, die Mały Młyn (Kleine Mühle), ein über den Kanal gesetzer spitzer gotischer Bau, und ein kleines Fachwerkhaus am Ufer, in der weiteren Umgebung ragen die neuen Hochhäuser wie die alten Kirchtürme auf und immer ist da das Grün der Bäume und Beete. Ort und Kunst ergänzen einander perfekt.

heweliuszgdanskseite

Die Gdanska młodzież, die Jugend von Gdańsk, war es, die Heweliusz im Jahre 1973 dieses Denkmal widmete, wie auf dem oberen Würfel der Säule zu lesen ist. Zu schön wäre die Vorstellung, daß sie es in bewußter sozialistischer Überzeung tat, aber das Denkmal und sein Ort wissen jedenfalls von einer Zukunft, von einem Neuen.

Das zweite Denkmal, für das ein Jan Szczypka verantwortlich ist, ist neu und steht prominent in der mit Bänken und Springbrunnen einfallslos neugestalteten Grünanlage. Dieser Jan Heweliusz ist eine überlebensgroße Bronzeplastik.

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Er sitzt in zeitgenössischer Kleidung eigenartig verrenkt da, ein Fuß auf einer Treppe, sein Blick schräg nach rechts oben zu den Bäumen gerichtet, neben dem Kopf ein riesiges astronomisches Gerät, das er aber nicht zu benutzen scheint. So detailrealistisch die Darstellung ist, so wenig Leben hat sie doch. Die Plastik ist bloß die Karikatur eines Gelehrten.

Rechts ist auf einer Brandmauer eine von Heweliusz geschaffene Sternenkarte aufgemalt.

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Das ist der einzige gute Einfall, aber er bleibt ohne Bezug zur Plastik, ja, wäre ohne die Nähe der dummen Karikatur besser. Die Reproduktion der Sternenkarte ist immerhin ein Blick in die Vergangenheit, während das eigentliche Denkmal nirgendwohin blickt. Auch, daß das Denkmal direkt vor dem filigranen Renaissancerathaus der Altstadt, jenes Teils von Gdańsk, in dem Heweliusz wirkte, steht, ist eigentlich egal. Daß diese lächerliche Gestalt dort nämlich Interesse an Gestirnen hätte, daß sie wüßte, wieso sie dort herumsitzt, daß sie von einer Zukunft träumte – man glaubt es ihr einfach nicht.

Der Unterscheid zwischen beiden Denkmälern ist der Unterschied zwischen den Zeiten, in denen sie entstanden. Michał Gąsienica-Szosta, dem Bildhauer von 1973, fiel zu Heweliusz etwas ein, er sah sich selbst und seine Welt in ihm. In seiner Skulptur ist das ganze Staunen und die Begeisterung beim Blick in den Sternenhimmel, das, was noch vor der Astronomie kommt und was jeder kennt. Denn er lebte in einer Zeit, die zu den Sternen nicht nur wollte, sondern bei ihnen war, einer Zeit der Raumstationen und Mondlandungen. Die Hochhäuser, das Dom Technika, die Grünanlage selbst und auch das aufgehobene Alte waren die terrestrischen Äquvalente der Raumfahrt und das Denkmal erwächst wie selbstverständlich, wie von selbst aus seiner Umgebung.

Der Künstler von 2005, dessen Name ihm zuliebe nicht wiederholt sei, hat zu Heweliusz keinen Bezug. Eine Zukunft konnte er sich nicht vorstellen und das lag eben nicht nur an seinem offenkundig geringen Talent. Denn wie sollte er auch in einer Zeit, in der Raumfahrt ein Werbegag von Luxusautoherstellern und Onlinebuchhändlern ist?

Es ist denn auch kein Wunder, daß diese Zeit den Heweliusz von 1973 loswerden mußte. Ursprünglich nämlich stand er dort, wo jetzt das neuere Denkmal steht. Erst im Jahre 2004 wurde er an seinen heutigen Standort versetzt, doch was als Verbannung gedacht war, war eine Heimkehr, war die Ankunft dort, wo er immer hingehört hatte.

heweliuszgdanskhinten

Dort finden ihn die, die ihn zu schätzen wissen, und die, die aus verschiedenen Gründen etwas Ruhe suchen, ohne auf Stadt verzichten zu können. Auch die Obdachlosen, die typischsten Repräsentanten der Veränderung, die die Welt zwischen 1973 und 2005 durchmachte, sitzen hier manchmal oder lagern auf der Wiese am Kanal. Von den Bänken der für die deutschen Kultur- und skandinavischen Alkoholtouristen gepflegten Grünanlage um den neueren, aber nicht neuen Heweliusz würden sie vertrieben werden, doch beim älteren, der ewig neuer bleiben wird, finden sie eine Zuflucht. Jede Zeit hat eben den Jan Heweliusz, den sie verdient.

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2 Gedanken zu „Der doppelte Hevelius

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