Nordwestzentrum

Wer das Nordwestzentrum in Frankfurt am Main heute erlebt oder wer es, wie ich, seit den frühen Neunzigern als Bestandteil einer Frankfurter Vorstadtkindheit und –jugend erlebt hat, sieht etwas durchaus anderes als das, was Ende der Sechziger gebaut wurde. Aber mit ein wenig historischem Vorwissen und etwas mehr archäologischem Gespür läßt sich noch am so veränderten heutigen Nordwestzentrum ablesen, was für ein bemerkenswerter Ort es war und noch immer ein wenig ist.

Zuerst ist da seine städtebauliche Einordung. Es ist, wie der Name sagt, einerseits das Zentrum der Nordweststadt, einer in den Sechzigern errichteten Satellitenstadt von Frankfurt und grenzt auch zu mehreren Seiten an diese an. Nicht weit aber ist es auch von der Römerstadt, einem Beispiel des fortschrittlichen Neuen Frankfurt der zwanziger Jahre, und von den Kernen der Vorort gewordenen Dörfer Heddernheim und Praunheim. Über die Stadtautobahn ist es zudem mit dem Umland und über die erste Frankfurter U-Bahnlinie mit dem Stadtzentrum verbunden.

Doch zu nichts von all dem gehört das Nordwestzentrum so wirklich. Es ist eine Insel inmitten eines vielspurigen Kreisverkehrs an der Stadtautobahn. Zu erreichen ist es von Weitem mit dem Auto über diesen Kreisverkehr, mit der U-Bahn und mit dem Bus, von Nahem aber über eine Vielzahl von Brücken, die den Fußgänger sicher über die Straße, die auch ein reisender Fluß sein könnte, geleiten.

NordwestzentrumBrücke

Noch unter der langen, etwa ovalen Form des Nordwestzentrums findet sich daher der U-Bahnhof, während die ebenerdige Ebene von einem ausgedehntes Parkhaus, zu dem noch Anlieferbereiche und eine Durchfahrt für die Busse kommen, eingenommen ist. Wenn man zu Fuß kommt, ist man von den Brücken schon auf die dritte oberirdische Ebene erhoben. Aber man merkt das nicht, oder vergißt es sogleich wieder. Das Nordwestzentrum ist so stark, sich eine eigene Grundebene zu schaffen, die so selbstverständlich ist wie der angeblich natürliche Erdboden.

Im Verhältnis zu dieser Grundebene erlebt man alles weitere. Zweigeschossige Ladengebäude teilen das Nordwestzentrum in drei langgezogene Bereiche. Bei den beiden äußeren handelt es sich um eine großzügige Einkaufsstraße

NordwestzentrumEinkaufsstraße

und die Einrichtungen der Fachhochschule, die schon länger nicht mehr existieren. Im viel breiteren mittleren Bereich legt sich die Grundebene als Galerie um eine niedrigere zweite Ebene mit Läden.

NordwestzentrumHauptbereich

Über den Ladengebäuden befinden sich, quer zu diesen und recht locker verteilt, noch einige fünfgeschossige Wohngebäude.

NordwestzentrumWohngebäude

Eine Passage und zwei Querachsen an den Enden verbinden die drei, heute zwei Bereiche. An diesen Querachsen stehen die höheren, fast fensterlosen Gebäude der größten Geschäfte, früher Hertie auf der einen, noch heute C&A auf der anderen Seite.

NordwestzentrumHertie

Letztere Querachse ist die wichtigere. Am Ende der Einkaufsstraße wird die Grundebene wieder zur Galerie, um die Stelle, wo es zur niedrigeren Ebene mit dem Busbahnhof und noch weiter zur U-Bahn hinab geht, zu markieren.

NordwestzentrumU-Bahn

Neben dem Hauptbereich öffnet sich ein kleiner Platz, an dem das Bürgerhaus und ein Schwimmbad, das schon seit langem durch ein Spaßbad und ein Hotel ersetzt ist, stehen.

NordwestzentrumSaalbau

Der Hauptbereich selbst wird daneben schmaler und führt auf die Bibliothek und verschiedene Ämter zu, die wiederum in zweigeschossigen Gebäuden untergebracht sind. Hier legt sich die Grundebene um einen niedrigeren Kindergarten, während ein neungeschossiges Wohngebäude dahinter aufragt und auch den diesseitigen Abschluß des Nordwestzentrums markiert.

NordwestzentrumBücherei

Die zweite Querachse öffnete sich früher wohl recht stark zur Straße und hatte im markanten Turm der Feuerwache eine vertikale Dominante, die auch gut als Uhrturm denkbar wäre.

NordwestzentrumFeuerwacheTurm

Heute ist dort ein Elektronikgeschäft und der Turm ist nur noch von außen wirklich zu sehen.

Die Grundstruktur des Nordwestzentrums ist also, sieht man vom Wegfall des Fachhochschulbereichs ab, seit den Sechzigern unverändert. Auch die Gebäude haben ihre schnörkellose Klarheit behalten: weißer Beton, Fensterbänder, eckige Pflanzenkübel vor den Obergeschossen der Ladengebäude. Ansonsten ist vieles von den Umbauten der späten achtziger Jahre geprägt: glatte Steinfußböden, weiß mit dunkelroten Längsstreifen, runde, um Hochbeete angeordnete Sitzanlagen aus demselben dunkelroten Stein. Und vor allem die geschwungene gläserne Überdachung der beiden Bereiche. Mit Streben aus weißbemaltem Holz ruht sie auf den Dächern der Ladengebäude und auf weißen Stahlstützen. Es ist dieses Dach, das die eingangs genannte Veränderung des Nordwestzentrums bewirkt hat. Wiewohl zweifelsohne nützlich und für den heutigen Erfolg als Einkaufszentrum unerläßlich, vermindert es doch die Sichtbeziehungen zu den Wohnhäusern und schafft eine Hierarchie zwischen den Ladenbereichen, die es überdeckt, und den übrigen, insbesondere dem bei der Bibliothek, die es frei läßt.

Wie fern auch das heutige Nordwestzentrum aber von den später gebauten Einkaufszentren ist, zeigt ein Vergleich mit dem sogenannten Modeboulevard, der nun den Bereich der Fachhochschule einnimmt.

NordwestzentrumModeboulevard

Boden und Sitzanlagen orientieren sich an der genannten Gestaltung, ohne sie ganz zu treffen, ein Tonnendach aus Glas überspannt alles, aber das Raumerleben ist ein ganz anderes. Wo im Nordwestzentrum noch immer Großzügigkeit und Offenheit vorherrschen, ist hier alles bloß eng, was noch durch die schräg vorragenden Gebäudefassaden unterstützt wird.

Das Nordwestzentrum ist eben, auch wenn es heute leicht so wahrgenommen werden kann, nicht einfach ein Einkaufszentrum. Es ist ein wirkliches Zentrum, ein neuartiger städtischer Raum, in dem gerade nicht nur Geschäfte, sondern auch öffentliche Einrichtungen, Wohngebäude und, früher, Teile der Fachhochschule konzentriert sind. Als solches ist es nicht weniger als ein städtebauliches Meisterwerk.

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2 Gedanken zu „Nordwestzentrum

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