Lenin in Witomino

Im Wohngebiet Witomino in Gdynia steht ein Denkmal, das nicht Lenin gewidmet ist.

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Es ist groß, riesig sogar, und steht unübersehbar in einem Grünstreifen an der Straße Wielkokacka. Wie eine Basaltformation aus beigeverputztem Beton ragen seine drei aneinandergefügten Stelen auf. Die höchste der Stelen ist quadratisch mit an den Ecken schräg vorstehenden Teilen, die beiden niedrigeren, von denen eine nicht einmal zur Hälfte und die andere bis auf Dreiviertel der höchsten reicht, sind ähnlich, aber dreieckig, so daß der Grundriß insgesamt dreieckig ist. Ganz oben werden die schrägen Teilen zu aufsteigenden Streben, zwischen denen eine Weltkugel aus Beton ruht.

In dieser Form wäre das Denkmal recht banal, ohne jede Aussage, aber man würde ihm doch etwas Sozialistisches anmerken, vielleicht wegen der Größe, vielleicht wegen des verwendeten Betons, vielleicht einfach wegen der elfgeschossigen Wohngebäude, die erhöht auf der anderen Straßenseite stehen.

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In einem kapitalistischen Staat Westeuropas kann man sich so ein Denkmal jedenfalls schwer vorstellen, eher vielleicht noch in Südamerika, aber am besten eben im Osten, im sowjetisch geprägten Raum. Was dem Denkmal fehlt, um zu einem typischen Werk des sozialistischen Realismus zu werden, kann man sich daher leicht ergänzen. Oben auf der Weltkugel Hammer und Sichel oder ein fünfzackiger Stern, auf den beiden niedrigeren Stelen Bronzestatuen von Lenin oder Marx und einer lokaleren kommunistischen Persönlichkeit, vielleicht Bolesław Bierut. Alles würde passen.

Würde passen, denn leider weiß man, daß der Sozialismus in Polen zu schwach war, um viele solcher Denkmale zu bauen, und die Reaktion dort heute so stark ist, daß die wenigen dieser Denkmale längst beseitigt sind. Tatsächlich ist das Denkmal weit polnischer und damit noch fremder als das oben Beschriebene ahnen ließe:

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auf der Weltkugel steht Maria und auf den niedrigeren Stelen der heilige Wojciech mit einem Ruder und Papst Karol Wojtyła mit segnend ausgebreiteten Armen. Maria ist auf der Tafel unten als „nasza królowna“ (unsere Königin) bezeichnet, denn Königin von Polen ist einer der obskureren Titel dieser Gestalt, während die anderen beiden offenbar keine Vorstellung brauchen.

Das Erstaunlichste an dem Denkmal ist, daß es erst im Jahre 2000 errichtet wurde. Die so eindeutig realsozialistische Formensprache scheint dazu im ersten Moment gar nicht zu passen, im zweiten aber umso besser. Denn die heutige öffentliche Kunst in Polen ist ganz zwangsläufig durch und durch vom Sozialismus geprägt. Egal, wie sie dazu stehen mochten, lebten die heute arrivierten Künstler im Sozialismus und wurden, ob sie wollten oder nicht, von sowjetischen Einflüssen geprägt. Auch für Werke, die inhaltlich im größten Gegensatz zum Sozialismus stehen, mußten und müssen sie sich daher der Formen des sozialistischen Realismus bedienen. Welcher auch sonst? Die offizielle Kunst des Westens ist für Monumentalität, ja, letztlich für jegliche verständliche Aussage völlig ungeeignet. Propagandakunst wie dieses Denkmal in Gdynia aber will monumental und verständlich sein, gut also für die Auftraggeber, daß die Künstler dies in der Schule des sozialistischen Realismus gelernt hatten.

So verachtenswert der polnische Katholizismus, der dieses Denkmal baute, ist: es ist ein gutes und gelungenes Kunstwerk, das an genau der richtigen Stelle im Stadtraum steht. Und irgendwann kann man dann die notwendigen Veränderungen vornehmen, um Form und Inhalt wieder in Einklang zu bringen und dann endlich wird Lenin in Witomino sein. Falls sich jemand, der dies liest, auf Photoshop versteht, kann er schon einmal einen Entwurf machen, hier die nötigen Zutaten:

Aus Bárta, Vladimír: Banská Bystrica, Martin 1984

Hammer und Sichel in Banská Bystrica, aus Bárta, Vladimír: Banská Bystrica, Martin 1984

Lenin im Dům Kultury (Kulturhaus) in Kyjov, aus Autorenkollektiv: Pro bohatost a krásu života, Praha 1980

Lenin im Dům Kultury (Kulturhaus) in Kyjov, aus Autorenkollektiv: Pro bohatost a krásu života, Praha 1980

Bierut in Lublin, aus Hartwig, Edward: Lublin, Warszawa 1983

Bierut in Lublin, aus Hartwig, Edward: Lublin, Warszawa 1983

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