Eden in der Uljanovská

Eigentlich heißt das vorzustellende Wohngebiet in Prag nicht Eden und auch die so hübsch nach Lenins Geburtsstadt benannte Straße Uljanovská ist darin fast bedeutungslos.

Eden heißt aber das Kulturní Dům (Kulturhaus), bei dem das Wohngebiet beginnt. Es ist in mancher Hinsicht ein typisches Gebäude der ČSSR.

KulturníDůmEden

Dreigeschossig, über dem Eingang auf einer Betonfläche ein rundes abstraktes Mosaik in erdigen Braun-, Rot- und Gelbtönen, links und rechts vorgesetzte braungefasste Glasfassaden, wobei die rechte sich um die Ecke zieht und eine Wendeltreppe, in die ein röhrenförmiger Leuchter hineinhängt, birgt.

KulturníDůmEdenTreppe

Oben das Kupferdach der Säle und weiter rechts an der Schmalseite ein halb aus Beton, halb aus Glas bestehender Treppenhausturm. Den Namen Eden hat das Kulturní Dům nach einem Vergnügungspark, der in den Zwanziger dort am Rande des gerade eingemeindeten Prager Stadtteils Vršovice entstanden war. Mittlerweile steht es leer und die andere Seite des Vorplatzes nimmt ein riesiges Tesco-Einkaufszentrum ein, das ebenfalls den Namen Eden trägt.

An der transparenten Ecke des Eden und seinem Treppenhausturm vorbei gelangt man auf den Boulevard, der das Wohngebiet erschließt. Er verläuft parallel zur großen Straße Sboru národní bezpečností (etwa: Straße des Staatspolizei), jetzt Vršovická (Vršovicer Straße), doch während diese leicht abfällt, wird er zur Terrassenebene und bleibt eben. Auf ihr erstreckt sich ein schlichtes fünfgeschossiges Amtsgebäude mit transparenten ovalen Treppenhäusern an der Schmalseiten und schützt das Wohngebiet vor dem Straßenverkehr.

SídlištěVlastaUřád

Die Zulieferungsstraße nun, die halb versteckt unter der Terrassenebene verläuft, das ist die Uljanovská (Uljanovsker Straße).

UljanovskáPraha

Aber vielleicht paßt das zu dem leichten Paradox einer Straße, die nach einer Stadt benannt ist, die wiederum nach ihrem berühmtesten Sohn benannt ist, der allerdings unter einem anderem Namen berühmt wurde, den später auch mehrere Städte und unzählige Straßen bekamen. Quer zu ihr stehen fünf identische elfgeschossige Gebäude mit durchgehendenden Balkonen und verglasten Treppenhäusern, zwischen denen grüne Höfe angeordnet sind.

SídlištěVlastaHofKazašská

Nach dem Ende des Amtsgebäudes ist ein Platz mit Sitzsteinen und Hochbeeten, der sich zur großen Straße und den Fabrikgebäuden auf der anderen Seite öffnet.

SídlištěVlastaBoulevard

Dann geht es ein Stück hinab auf eine zweite Terrassenebene. Unter ihr sind zur Straße hin Kolonnaden mit Läden, während auf ihr ein achtgeschossiges Wohngebäude steht, das der Straße vorgesetzte Treppenhäuser und Fensterbänder zuwendet und im Erdgeschoß ebenfalls Läden hat.

SídlištěVlastaGesamt

Durch verglaste Verbindungstrakte ist es mit zwei quer gesetzten fünfzehngeschossigen Wohnhochhäusern zu einer U-förmigen Anlage verbunden.

TreppeMagnitogorská

Zwischen den dreigeschossigen Sockeln der Hochhäuser, wo unter anderem eine Polizeidienststelle war, führt eine große Treppenanlage mit vielerlei Grünanlagen nach unten auf die Magnitogorská (Magnitogorsker Straße), einer Erschließungsstraße, die das andere Ende des Wohngebiets bildet und an der noch Schulen und Kindergärten sind.

Wenn der Boulevard und die Treppe das Rückgrat des Wohngebiets sind, so sind die grünen Höfe seine Herzen. Alle diese Höfe auf unmerklich abfallendem Gelände sind umlaufen von Straßen, die sogar jeweils einen Namen nach zentralasiatischen Sowjetrepubliken oder deren Hauptstädten haben. Sie gliedern sich in drei Bereiche: einen asphaltierten Ballspielplatz, eine tiefer- oder höhergelegte Wiese und einen Spielplatz. Umgeben und zusammengefügt sind die drei Bereiche aber immer auf verschiedene Arten durch meist rechteckige, teils runde Hochbeete mit Betonmäuerchen. Auf dem Boden wechseln sind quadratische Betonplatten und Kopfsteinpflaster ab.

Weiter individualisiert sind die Höfe durch die Kunst, die sich in ihnen findet: jeweils eine Plastik oder Skulptur von Vendelín Zdrůbecký in der Wiese und ein Mosaik von Radomír Kolář auf einer freistehenden Betonwand beim Spielplatz. Nur in der Kazašská (Kasachischen Straße), der ersten nach dem Kulturhaus, wo ein junges Paar aus Stein im Nadelgebüsch sitzt

VendelínZdrůbeckýPaarKazašská

und das Mosaik Tiere zeigt,

RadomířKolářTiereKazašská

ist kein Zusammenhang zwischen den beiden Kunstwerken zu erkennen. In der Tadžická (Tadschikischen Straße), wo man an einem Mosaik mit Flugzeugen und Schiffen vorbei

RadomírKolářFlugzeugeTadžická

zu einem bronzenen Jungen mit hocherhobenem Spielzeugflugzeug blickt

VendelínZdrůbeckýJungeMitFlugzeugTadžická

und das Motiv noch von einem flügelartigen Aufbau auf dem Amt fortgesetzt scheint, ist der Zusammenhang offensichtlich, in der Turkmenská (Turkmenischen Straße), wo das Mosaik Zirkusszenen

RadomírKolářZirkusTurkmenská

und die Plastik eine junge Tänzerin zeigt,

VendelínZdrůbeckýTänzerinTurkmenská

ist er schon ferner.

Am schönsten aber ist es in der Taškentská (Taschkenter Straße): dort schaut man einer jungen Frau, sicher einer Kindergärtnerin, zu, wie sie Kindern aus einem Buch vorliest.

VendelínZdrůbeckýKindergartengruppeTaškentská1

Ein Junge stützt sich auf den Schemel der Frau und zwei Mädchen lagern auf der Wiese. Sie sind aus hellem Stein und doch ist sie Szene so voller Leben, daß man fast das Gefühl hat, zu stören, wenn man sie betrachtet.

VendelínZdrůbeckýKindergartengruppeTaškentská2

Und das Mosaik zeigt, was die Frau liest und in den Köpfen der Kinder entsteht: ein Märchenschloß, eine Prinzessin, ein Ritter im Kampf gegen einen vielköpfigen Drachen und vieles mehr.

RadomírKolářMärchenTaškentská

So wird aus zwei Kunstwerken eins, ein wirkliches Gemeinschaftswerk. Auch die sehr unterschiedlichen Stile der beiden Künstler ergänzen sich hier. Zdrůbecký, ein feinfühliger Beobachter, wenn auch vielleicht etwas zu detailrealistischer Darsteller kindlichen Lebens, ist am besten, wo er einfach eine aus dem Alltag gegriffene Szene zeigen kann, Kolář‘ reduziert realistischer, sehr farbenfroher Stil, der an Kinderbuchillustrationen erinnert, eignet sich vorzüglich für ins Phantastische gehende Sujets.

Der starre, repetitive Rahmen der Architektur wird durch die Freiraumgestaltung und die Kunst somit einmalig und unverwechselbar. Man könnte sagen, hier geschehe, was Karel Teige in den Zwanzigern forderte, auch wenn er das selbstverständlich anders meinte: die Poetisten bespielen die Räume, die die Konstruktivisten bauen.

Unterstützt wird der individuelle Charakter der Höfe noch durch die Natur, die sich, halb geplant vielleicht, jeweils unterschiedlich entwickelte. So ist die Tadžická offen und von Wiesen geprägt, während die Turkmenská im Schatten hoher Bäume liegt.

SídlištěVlastaHofTurkmenská

Insgesamt entsteht so in einer wirklich schwierigen Lage zwischen einer großen Straße und Eisenbahngleisen ein Wohnkomplex, der dem Sozialismus angemessen ist. Die Kunst läßt sich nicht sozialistisch nennen, aber sie ist zutiefst menschlich, ist sie doch dort, wo die Menschen sind, und will diesen etwas sagen. Bedauern muß man bloß, daß die Eingänge zu diesem Eden nicht die Kunst haben, die sie verdienen. Am Kulturzentrum immerhin die dekorative Abstraktion, doch am Aufgang der Treppenanlage unfassbar kitschige Pferde, die das Ergebnis sind, wenn Kolář zu realistisch wird.

RadomírKolářPferdeMagnitogorská

Hier wünschte man sich ein Kunstwerk, das eben doch sozialistischen Inhalt hätte und vielleicht etwas über die Beziehungen der Tschechoslowakei zur Sowjetisch-Zentralasien sagte. Doch dazu fehlten Künstler wie Auftraggeber. Was in Eden gelang, ist, was möglich war und es ist nicht wenig, zu viel jedenfalls für den langweiligen Namen Sídliště Vlasta (Wohngebiet Vlasta).

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