Sobieski auf Reisen

Der polnische König Jan III. Sobieski lebte in unruhigen Zeiten in einer unruhigen Gegend und trug als geschickter Politiker und Heerführer zu deren Unruhe auch gerne bei. Vor allem kämpfte er in der Ukraine gegen Tartaren und Türken, aber berühmt wurde er, weil er an der Spitze des Entsatzheers stand, das 1683 die türkische Belagerung Wiens brach. Neben dem Krieg führten ihn Studienreisen nach Deutschland, die Niederlande, Frankreich, England und sogar in die Türkei. Weite Wege für diese Zeit und auch heute noch.

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Eine Liste von Sobieskis Schlachten steht an der Seite seines Denkmals in Gdańsk. Auch in dieser Stadt war Sobieski wiederholt, etwa zu Begegnungen mit Jan Heweliusz. Denn wenn der historisch halbgebildete Deutsch weiß, daß Gdańsk bis 1945 Danzig und eine deutsche Stadt war, dann stimmt das nur halb: bezogen auf Sprache und Kultur seiner Bewohner, aber nicht auf die staatliche Zugehörigkeit. Zu einem deutschen Staat, erst Preußen, dann dem Deutschen Reich gehörte es nur recht kurz (1793-1807 und 1814-1919). In anderen, eher kurzen Zeiten war es eigenständig (1807-1814 und 1919-1939) und lange gehörte es zur polnischen Rzeczpospolita (1455-1772). Ein Danziger Bürger des 18. Jahrhunderts hätte es wohl als Beleidigung empfunden, wenn man ihm gesagt hätte, daß seine Stadt in Preußen liege.

Dennoch erstaunt es, daß ein Reiterstandbild eines polnischen Königs auf einem Platz des heutigen Gdańsk steht. Es ist ein banales historisches Machwerk, das offenkundig aus dem preußisch-deutschen späten 19. Jahrhundert stammt

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Zwar ist der Platz, Targ Drzewny (Holzmarkt) genannt, eher eine bessere Verkehrsinsel und im Sommer bei Obdachlosen beliebt, aber doch sehr zentral gelegen.

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Die Deutschen werden dieses Denkmal also kaum gebaut haben. Die Inschrift auf der anderen Seite erklärt alles:

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„Królowi Janowi III. miasto Lwów MDCCCXCVII.” (König Jan III. die Stadt Lwów)

Nicht die preußischen Deutschen, sondern die Polen, die den Osten des alten Österreichs dominierten, bauten sich also dieses Denkmal und nicht im damaligen Danzig, sondern im damaligen Lwów.

Als Polen nach dem Krieg nach Westen verschoben wurde, als die Deutschen aus den neuen westlichen Teilen Polens ausgesiedelt und die Polen aus der Ukraine dort angesiedelt wurden, als aus Danzig Gdańsk und aus Lwów Lviv oder Lwow wurde, reiste Sobieskis Denkmal mit oder nach und er kam in einer Stadt zu stehen, von der er wohl nie gedacht hätte, daß sie einmal in diesem Maße polnisch sein würde. Zu sehen, wie selbstverständlich Sobieski heute in Gdańsk steht, wie selbstverständlich polnische Obdachlose um ihn sitzen, wie selbstverständlich sich polnische Touristen mit ihm photographieren, hat etwas Beruhigendes. Es zeigt, wie schnell auch die extremsten Bevölkerungsverschiebungen zur Normalität werden. Wenn es so einfach ist, aus einer deutschen Stadt eine polnische und aus einer polnischen eine ukrainische zu machen, wenn sogar ein Denkmal mitreisen kann, dann ist doch alles möglich, vielleicht sogar Fortschritt.

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