Schottentor

Die Station Schottentor ist das Herz, oder jedenfalls eines der Herzen, des Wiener Straßenbahnnetzes. Obwohl sie wirklich eine Station, weit mehr als eine Haltestelle ist, kann man sie leicht übersehen. Wenn man, wie das ein jeder Tourist tut, den Ring entlang bis zur Universität gekommen ist und nun auf die Votivkirche schaut, steht man direkt vor ihr – und sieht doch nicht mehr als ein großes flaches Haltestellendach mit Ladenkiosken wie es sie auch anderswo am Ring gibt.

Die eigentliche Station betritt man erst, wenn man eine der Rolltreppen nach unten nimmt. Nun ist man in einer geräumigen unterirdischen Ebene. Gelblich-grau gesprenkelter Stein an den Wänden, hellgrauer auf dem Boden, fast schwarzer um die Stützen, viele Läden und Imbisse an den Seiten und unter der Rolltreppenanlage in der Mitte .

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Auch das scheint nichts besonderes, der Zugang zur U-Bahn eben. Tatsächlich hält diese hier, die Straßenbahnstation aber ist älter. Und sie ist auch nicht völlig unterirdisch. Die Leuchtröhren zwischen den weißen Kunststofflamellen an der Decke wie der Strom der Menschen streben dorthin, wo sie sich öffnet und die Straßenbahnen halten.

Aus Kurfürst, Richard: Wien - Meine Stadt, Wien 1964

Aus Kurfürst, Richard: Wien – Meine Stadt, Wien 1964

In der Mitte des ovalen offenen Bereichs ist eine Wiese, um die zwischen schmalen Betonstützen die Straßenbahnen fahren, die durch eine Rampe hinab- und nach einem Bogen und einem Halt wieder hinaus gelangen. Eine entsprechende Schleife, die aber von einer anderen Stelle des Ovals angefahren wird, fahren die Straßenbahnen oberirdisch um die Öffnung. Im Prinzip ist es also nicht mehr als eine doppelstöckige Version einer klassischen Wendeschleife, wie man sie am Ende vieler Straßenbahnlinien findet, doch das genügt schon, um etwas Neuartiges zu schaffen. Die Straßenbahnstation Schottentor saugt ein halbes Dutzend von Nordwesten und Westen herkommender Straßenbahnlinien gleichsam auf und wird so, ihren alten Namen mit neuem Sinn erfüllend, zum wahren Tor in die Innere Stadt.

Ihre Form, Betonkolonnaden um eine nicht zu betretende Wiese mit nur wenigen niedrigen Bäumen, ist die eines Kreuzgangs. Wenn man aus dem Chaos der städtischen Straßen kommend die Rampe hinabfährt und nach einigen Metern Dunkelheit das Oval erreicht und auf das Grün blickt (die neuen Niederflurstraßenbahnen erschweren das leider), kann man für Momente eine ähnliche Ruhe verspüren wie sie Mönche im Kreuzgang eines Klosters suchen mögen. In ihrer Aneignung eines alten Architekturelements zu einem neuen Zweck ist die Straßenbahnstation damit Fortsetzung und Überhöhung der historistischen Architektur des kaiserlichen Wiens ringsum. Auch verschließt sie sich diesem nicht, sondern nimmt es in sich auf und befreit es von den Straßen: von nirgendwo hat man einen besseren Blick auf die neogotische Votivkirche als am Schottentor beim Warten auf die Straßenbahn. In einem neuen Rahmen aus Betonpfeilern steht sie jenseits der Wiese.

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Der Straßenbahnstation gelingt also, was guter Architektur gelingen soll: sie löst ein Problem (Ankunft der Straßenbahnen im Stadtzentrum), schafft einen, wenigstens annähernd neuen Raum (die unterirdische Ebene mit dem Straßenbahnkreuzgang) und nimmt Bezug auf ihre Umgebung (Blick zur Votivkirche). Zudem löst sie auf sehr elegante Weise das Grundproblem allen unterirdischen Bauens, den Verlust des Gefühls für den städtischen Raum an der Oberfläche. In Wiens Innerer Stadt wurde seitdem, seit 1961, kein wichtigeres Bauwerk mehr errichtet, was allerdings weniger für dieses, so gelungen es ist, als gegen die Stadt spricht.

Aus Kurfürst, Richard: Wien - Meine Stadt, Wien 1964

Aus Kurfürst, Richard: Wien – Meine Stadt, Wien 1964

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