Mein Lieblingstier

Wenn ich ein Tier wäre, wäre ich eine Taube. Wer Städte mag, muß Tauben mögen. Nicht die hochgezüchteten Ziertauben, auch keine weißen Tauben, die von Picassos stolzem Symbol der kommunistisch gelenkten Friedensbewegung zum traurigen Zeichen der kleinbürgerlichen Ideologie des Pazifismus verkamen, sondern ganz normale großstädtische Tauben. Die Taube ist das Tier der Großstadt. Fliegende Ratten, beschimpft man sie, und warum auch nicht?

Das Problem an Ratten ist ja gerade, daß sie nicht fliegen können. Einzig Vögel kann der Mensch beneiden. Schwimmen, tauchen, klettern, rennen – all das kann der Mensch, fliegen niemals.

Sicher gibt es interessantere und majestätischere Vögel als die Taube, sogar auch im Alltag der Stadt. Enten etwa können viel mehr als Tauben, sind aber doch zu stark ans Wasser gebunden. Krähen sind sogar dem unbedarft beobachtenden Blick als sehr intelligent erkennbar, aber sie haben auch etwas Brutales, Soldatisches. Sieht man Gruppen von ihnen in der Herbsttrübheit über Wiesen staksen, denkt man unweigerlich an SS-Männer im Hinterland der Ostfront. Tauben sind weder so vielseitig wie Enten noch so intelligent wie Krähen, aber sie sind überall. Sie sind Teil der Stadt, sie lassen sich von der Stadt gar nicht trennen. Sie haben nichts Romantisches oder Sentimentales, nichts Ruhiges oder Gelassenes, sie sind wie Penner, Stadtstreicher, Clochards, immer auf der Suche nach etwas zu essen, immer in Gefahr. Dennoch beneide ich sie. Denn sie leben wirklich in der Stadt, mit der Stadt. All die Gebäude und Orte, die man nur mit Blicken und Schritten durchstreift, ihnen sind sie Lebensraum.

BadendeTaubenPriorBratislava

Beim Kaufhaus Prior in Bratislava

Etwa die Tauben am Schottentor, einer Wiener Straßenbahnstation, um deren offenes Oval auf zwei Geschossen Straßenbahnen halten: Sie schreiten über den Steinboden vor der Inschrift von 1961,

TaubeSchottentorJonas

balzen auf dem Geländer am oberen Bahnsteig,

TaubenGeländerSchottentor

schlafen mit eingezogenem Kopf zwischen den Betonkolonnaden, picken auf den Gleisen Krumen auf und fliegen erst davon, wenn die Straßenbahn sehr nah ist, oder bleiben noch länger, wenn ein unerfahrener Straßenbahnfahrer ihretwegen bremst. Das Gras und die Bäume in der Mitte bräuchten sie nicht, sie können überall leben und leben überall. Aber die Öffnung des Schottentors nach außen, durch die uns bloß die Blicke zur Votivkirche gehen, sind ihnen ein wirkliches Tor zur umliegenden Stadt, durch das sie ein- und ausfliegen.

SchottentorFrühling

Und dort können sie alles sehen, was unserem Blick ewig verborgen bleibt, die gelangweilten Studenten in der Universität, die gestressten Angestellten in den Büros, die verzweifelten Handlungsreisenden in den Hotels. Ihren Blicken nämlich bleibt nichts verborgen, auf jedem Fenstersims können sie sich niederlassen, in jedes Fenster hineinsehen. Und die Architektur der Stadt, die für den Menschen gedacht sein sollte und doch so oft bloß gedacht ist, ihn niederzudrücken, können sie jederzeit aus jeder beliebigen Perspektive sehen. Details von Dächern, die dem Menschen immer fernbleiben, versteckte Skulpturen auf gotischen Kirchen, die nicht einmal für Menschenaugen bestimmt waren, all das sehen die Tauben. Sie haben ein totales Bild, ein totales Erlebnis der Stadt. Oder jedenfalls kann man es sich so vorstellen. Eigentlich sehen Tauben natürlich nichts und erleben nichts, sie sind bloß Tiere. Zudem haben sie ganz im Gegenteil die unschöne Eigenart, der Stadt eher zu schaden.

SkulpturTaubePratoDellaVallePadova

Auf dem Prato della Valle in Padua

ObertoPallavicinoPratoDellaVallePadova

Aber wenig ist auch die Vorstellung, die Architektur durch die Augen von Tauben zu sehen, nicht.

Und dann gibt es noch die Architektur für Tauben: Taubenschläge. Ein schönes Beispiel eines prachtvollen freistehenden Taubenschlag kann man in Kaiserebersdorf, ganz am Südrand von Wien, finden.

TaubenschlagKaiserebersdorf

Ein über zwei Meter hoher runder Sockel aus Stein, der oben drei Reihen mit Öffnungen für Tauben hat und dann in leichtem Schwung auskragt. Darauf noch weiter überstehend der eigentliche etwa würfelförmige Baukörper aus dunklem Holz. Um die vier Ecken auf je drei schrägen Stützelementen noch etwas weiter überstehende Teile, die sich an den vier Seiten zu Rundbögen verbinden. Erst hier sind wieder Öffnungen für Tauben. Den Abschluß bildet ein Schindeldach mit einer kupfernen Spitze. Bei aller Einfachheit ist diese Architektur nicht ohne Ornamente. Von den Rändern des oberen Teils hängen halbrunde Holzelemente herunter, die Öffnungen für die Tauben haben Rundbögen und die Stützelemente sind als drei abgerundete Stufen gestaltet.

TaubenschlagKaiserebersdorfDetail

Aber entscheidend ist doch die Konstruktion: der Kontrast zwischen dem schmalen runden Sockel aus Stein und dem großen eckigen Oberteil aus Holz, dort wieder der Kontrast zwischen den öffnungslosen Flächen und den vielen von der Ecke ansteigenden Öffnungen. Das mag expressiv scheinen, ist aber weitgehend funktional: der Sockel muß so hoch sein, damit kein Fuchs oder Marder zu den Tauben gelangen kann, und in einer der scheinbar öffnungslosen Flächen ist eine Tür, durch die der Innenraum für den Menschen erreichbar ist.

TaubenschlagKaiserebersdorfTür

Taubenschläge werden zurecht als wichtige Zeugnisse einer Volksarchitektur beschrieben. Einfache Bauern konnten hier architektonische Brillanz, wie sie sonst nur den Häusern der Reichen vorbehalten waren, beweisen. Taubenschläge eigneten sich dafür gut, weil sie anders als andere Ställe nicht unbedingt nötig sind. Also baute jemand in Kaiserebersdorf den Tauben ein Schloß, das auf seinem Sockel thront wie feudale Schlösser auf Felsen.

Heute sollen dort keine Tauben mehr leben, die Öffnungen sind mit Draht versperrt. Der Taubenschlag selbst steht neben der Ausfahrt eines McDonald’s.

TaubenschlagKaiserebersdorfMcDonald's

Aber wer weiß, vielleicht findet einmal eine der Tauben, die vor dem Restaurant auf Pommes Frites lauern, zufällig in den alten Taubenschlag und richtet sich dort ein, Hausbesetzerin in einem einst für ihresgleichen gebauten Haus. Verstehen könnte sie nicht, was daran so schön wäre, genausowenig wie sie verstehen kann, wie beneidenswert es ist, daß nicht nur der Kaiserebersdorfer Taubenschlag, sondern auch das Schottentor und jedes Gebäude ihr gehört, und daß sie mein Lieblingstier ist.

McDonald's am Karlsplatz

McDonald’s am Karlsplatz

Advertisements

2 Gedanken zu „Mein Lieblingstier

  1. Pingback: Erinnerungskultur in Hernals | In alten und neuen Städten

  2. Pingback: Zamość-Stare Miasto | In alten und neuen Städten

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.