Straßenbahnstation Grinzing

Im Kern des ehemaligen Dorfs Grinzing im Norden von Wien sieht heute alles nach Wohlstand aus. Malerisch kann man es dort trotz all der renovierten Weinbauernhäuser aber kaum finden, da jede freie Fläche von Parkplätzen eingenommen wird. Mitten darin, am Anfang der Himmelstraße, lange bevor man ahnt, wieso diese so heißt, steht ein in mancher Hinsicht interessantes Gebäude. Es fällt kaum auf, denn obwohl es etwas höher ist, fügt es sich mit seiner schmucklosen, entfernt barocken Fassade gut zwischen den Häuschen des Dorfs ein.

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Auch seine beiden rundbögigen Durchgänge, der linke größer und höher als der rechte daneben, scheinen Bezug auf den nahen Pöltinger-Freihof zu nehmen, was aber auch an der heute sehr ähnlichen Farbgebung liegen mag.

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Doch wenn man durch den kleineren, für Fußgänger gedachten Durchgang tritt, merkt man rasch, daß man es mit einem Gebäude aus einer ganz anderen Zeit zu tun hat. Nach einem kleinen Zwischenraum erstreckt sich links quer zur Straße ein Gebäude mit einer mittig ins Dach gesetzten Uhr. Seine Formen, reiche Fassadengliederung, wenige Schnörkel, weisen schon mehr auf seine Entstehungszeit hin, von der man auf einer Tafel liest: „Erbaut von der Gemeinde Wien in den Jahren 1914/1915“. Es handelt sich also um einen sehr frühen Gemeindebau, eine mitten im ersten Weltkrieg errichtete Vorform dessen, was dann in den Zwanzigern so wichtig wurde. Entscheidend aber ist die rechte Seite, wo direkt an den kleineren Durchgang ein von dünnen schmiedeeisernen Stützen getragenes Vordach anschließt.

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Großzügig dimensioniert erstreckt es sich fast so lang wie das Gebäude gegenüber. Hier hält die Straßenbahn, die von der Straße durch den größeren Durchgang hineinfährt und dann geradeaus um den Häuserblock wieder zurück in die Stadt.

Diese Anordnung der Wendeschleife und der Endhaltestelle der Straßenbahn ist das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Gebäudekomplex. Es ist eine so simple, aber doch so wirkungsvolle Lösung für ein städtebauliches Problem.

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Statt die Straßenbahn einfach irgendwo auf der Straße enden zu lassen, hat man ihr hier einen eigenen Raum zugeordnet, der aber zugleich perfekt mit der Umgebung verbunden ist. Das Wort Haltestelle scheint ungenügend dafür, es handelt sich tatsächlich schon um eine Straßenbahnstation. Wie umfassend hier gedacht wurde, zeigt gerade auch die Uhr am Gebäude links. Auch nach hundert Jahren funktioniert das stadtplanerische Meisterwerk, das die Straßenbahnstation Grinzing ist, noch so gut wie am ersten Tag. Noch heute leider sind Lösungen wie diese für Straßenbahnendhaltestellen eher die Ausnahme als die Regel. Aber zumindest am anderen Ende der Straßenbahnlinie 38 befindet sich mit dem Schottentor eine Station, die das fortsetzt, was in Grinzing begonnen wurde.

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