Hala Olivia

Expressive Betonformen in der Architektur haben unweigerlich das Schicksal mit irgendetwas anderem verglichen zu werden. So geht es auch der Hala Olivia (Olivia-Halle), einer Eissporthalle in Gdańsk, wie am Namen zu erkennen in seinem nördlichen Stadtteil Oliwa.

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Die Vergleiche gehen wegen der Nähe der Ostsee immer zu allerlei Maritimem. Und wenn man will, kann man in ihrer schräg nach vorne ansteigenden Straßenfront sicher einen Bootskiel oder eine Welle sehen. Oder einen Schwertfisch oder Hai in ihren Seiten mit dem weiten Schwung des Dachs, der von der niedrigeren Rückseite zu hohen vorragenden Straßenseite führt.

Aber eigentlich genügt es zu sagen, daß die Hala Olivia ein typischer Hallenbau ihrer Zeit, der frühen Siebziger ist, wie er auch fernab des Meeres errichtet wurde. Die expressive Form ist dabei sicher gewollt, aber auch einfach die, die sich ergibt, wenn zwischen zwei sich gegenüberliegende ansteigende Tribünen ein Dach gespannt wird und die anderen Seiten als Glasflächen milchig-transparent bleiben. So ist die Hala Olivia, wie all ihre Schwestern im Geiste und Beton, ein zugleich markanter und funktionaler Bau. Anderswo würde sie mit einem Felsen oder einer Sprungschanze verglichen werden oder gleich mit einem Raumschiff.

Was die Hala Olivia nicht ist, ist Teil eines städtischen Raums. Zumal heute steht sie isoliert inmitten von weiten Parkplätzen an der großen Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee). Mit einem McDonald’s und Universitätsgelände links und den Büroanlagen des Olivia Business Center rechts wirkt sie wie ein zu nichts anderem passender Teil einer kapitalistischen Suburbialandschaft. Ob es einmal anders war, ist schwer zu sagen.

Zur Straße hin, überragt von der großen Welle aus Beton, sind zwei viel nüchternere Geschosse in eckigen Formen und mit viel Glas. Vor dem oberen von ihnen verläuft eine breite Terrassenebene, die das wichtigste städtebauliche Elemente der Halle ist.

Sie ruht auf wandartigen, nach oben hin schmaler werdenden Stützen, die quer zur Straße stehen, und hohen flachen Betonbalken, die parallel zu ihr verlaufen. Ihr Geländer ist ein breiter oben abgerundeter Betonstreifen auf kleineren Versionen der Stützen. Aber wo die Halle endet, endet auch sehr bald die Terrasse. Statt die Halle mit ihrer Umgebung zu einem größeren Komplex zu verbinden, bleibt ein bloßer Zugang mit breiten Treppen links und rechts. Auch die großen Parkdecks beidseits der Halle sind eben den Autos vorbehalten.

In der Linie, die die Terrasse nach rechts fortsetzt, ist noch ein ebenso breiter Weg entlang des Parkdecks zu erkennen. Und er setzt sich nach einer kleinen Querstraße mit Zebrastreifen sogar im Durchgang des Olivia Gate genannten Teils des Olivia Business Centers fort.

Diese städtebauliche Feinfühligkeit der nichtigen Investorenarchitektur, die in ihrem Formen internationalen Trends von vor fünfzehn Jahre folgt, überrascht, hilft aber auch nicht. Denn im klaustrophobischen Innenhof zwischen den Glasbauten gibt es nicht einmal für die Angestellten der dortigen Outsourcingfirmen viel und dahinter geht es erst recht nicht in die umliegenden Gegenden weiter.

Ursprünglich war zumindest der durchaus große Bereich zwischen Halle und Straße als öffentlicher Ort gedacht. Er liegt etwas niedriger als seine Umgebung und hat Treppen und begrenzende Mäuerchen aus rotbraunem Backstein. Doch er war wohl immer zu leer und ist schon lange Parkplatz, erobert von den Autos.

Bleiben schließlich zwei vergleichsweise kleine, aber wichtige Details der Hala Olivia. Das erste ist ihr Logo im linken Teil der schräg überragenden Straßenseite. Als flaches Linienrelief im Beton zeigt es in der Mitte zwei stehende gelbe Löwen, die mit ausgestreckten Armen zwei übereinander angeordnete plusförmige rote Kreuze schützen, über denen eine kleine gelbe Krone schwebt. Das ist das Wappen von Gdańsk. Darüber ist etwas kleiner und blau ein stilisierter frontaler Schiffskiel flankiert von zwei stilisierten S- und t-Form, zu denen wieder die gestapelten Kreuze und die Krone gehören. Das ist das Logo des Sportvereins Stocznowiec (Werftarbeiter), aber eine Art erweiterte Form, bei der ein Kiel in die Mitte rückt und das eigentliche Logo aus Gründen der Symmetrie links normal und rechts gespiegelt gezeigt ist. Darunter steht in serifenlosen blauen Kleinbuchstaben „olivia“. Das ist der Name der Hala.

Das Stadtwappen ist, wiewohl auf einfache Formen reduziert, ein historischer Bezug, das erweiterte Logo bildet eine Art neues, sozialistisches Wappen, aber der Schriftzug ist es, der den Anspruch der Halle, etwas ganz Neues und Fortschrittliches zu sein, so wirklich hervorhebt. Die drei Elemente verbinden sich zu einem neuen Logo, das dem, was die Halle sein könnte, angemessen ist, angemessener als ihre Umgebung leider.

Das zweite Detail ist die schlanke Betonstele, die im rechten Teil der Straßenseite eine von der Terrasse herabführende vorgesetzte Treppe trägt. Wie das Logo ist sie genau an der richtigen Stelle angeordnet, um zu verhindern, daß die lange Fassade monoton wirkt. Breit, unten getragen von einem einzelnen der flachen Betonbalken, führt sie auf eine große Plattform, um sich dann zu wenden und weiter unter die Terrassenebene zu führen.

Die Plattform scheint zu schweben und statt nur als Bestandteil der Treppe, kann man sie sich als Rednertribüne über dem davorliegenden Platz vorstellen. Die Stele steht vor ihrer Mitte, aber mit deutlichem Abstand, als sollte das von der schmalen tragenden Verbindungsstrebe ablenken. Ab deren Höhe steigt sie schlank und nach oben schlanker werdend auf, beinahe ein ungewöhnlich filigraner Obelisk aus Beton.

Sie ist einerseits eine selbständige klare Form vor dem Hintergrund der Hallenschräge und hat andererseits die ganz konkrete Funktion eines Fahnenmasts. Das Bemerkenswerte ist nun, daß vor der Hala Olivia nur eine einzelne Fahnenstele ist. In der DDR und der Tschechoslowakei traten Fahnenmasten immer mindestens paarweise auf, einer für die Staatsflagge und einer für die sowjetische Flagge. Dafür ist hier kein Platz, hier ist eine Entscheidung nötig und wie die ausfallen würde, ist klar. Leicht kann man in der Stele also eine kleine antisowjetische Spitze sehen. Im heutigen Polen ist das egal, da es zwar immerhin für die Renovierung der Hala Olivia sorgte, aber doch so wenig Interesse an ihr hat, daß dort die weiß-rote so wenig wie die rote Fahne je aufgezogen werden.

Mit oder ohne Fahne, ob Schiff oder Raumschiff, die Hala Olivia ist zweifelsohne eines der bedeutsamsten Gebäude aus der sozialistischen Zeit in Gdańsk und gerade deshalb fehlt ihr der Sozialismus so sehr, umso mehr, als er ihr nie die Umgebung gab, die sie verdient und gebraucht hätte. So schön und markant sie ist, sie ist allein.

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