Das Zikkurat von Elbląg

Von weither sieht man im Osten von Elbląg ein großes Schulgebäude aus den Zwanzigern. Es steht auf einem Hügel und hat an den Seiten vier, in der Mitte fünf Geschosse, wobei das Erdgeschoß durch horizontale Streifen als Sockel gestaltet ist. An den Seiten sind die großen vertikalen Fenstern im zweiten Geschoß noch einzeln und in einigem Abstand zueinander angeordnet, um in den obersten Geschossen zu zwei Vierergruppen beidseits eines einzelnen Fensters zusammenzurücken. In der Mitte rahmen solche Viererfenster ab dem zweiten Geschoß einen leicht zurückgesetzten Teil mit langgestreckten Balkonen, die zugleich etwas vorgesetzt sind und seitlich noch auf die Putzflächen neben den Fenstern ausgreifen. Da sie, außer über dem Erdgeschoß, wo die gemauerte Brüstung die Sockelstreifen fortführt, Gittergeländer haben, wirken sie fast nur wie drei horizontale Bänder.

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Nachdem das Gebäude schon von vier auf fünf Geschosse angestiegen ist, folgen in der Mitte über den Balkonen noch drei weitere Geschosse. Auf quadratischem Grundriß, das obere jeweils kleiner als das darunter, steigen sie in drei Stufen an und oben ragt noch ein schlanker Obelisk, der ursprünglich spitzer endete, auf. Diese Krönung des Schulgebäudes ist das Zikkurat von Elbląg. Nur das erste Zikkuratgeschoß enthält normale Räume, von denen man die großen Terrassen auf dem Dach des fünften Geschosses erreicht, während die anderen sich zu den umlaufenden Terrassen auf dem Dach des jeweils unteren und größeren öffnen. In der Mitte des ersten Zikkuratgeschoß ist eine ziffernlose Uhr, die von entsprechend weither zu sehen ist.

An der rechten Schmalseite sind zwei schmale vertikale Fensternbändern vor einem Treppenhaus und rückwärtig schließt hier ein zweigeschossiger Hallentrakt an. Auf der heute stark von Bäumen versteckten Rückseite ist der mittlere Teil leicht vorgesetzt und hat links und rechts wieder je zwei vertikale Fensterbänder vor den Treppen. Fast wirken sie als Treppenhaustürme, da zwischen ihnen im vierten Geschoß eine große Terrasse tief ins Gebäude hineinführt, ein weiterer Teil der Landschaft aus Dachterrassen.

Als wären die erhöhte Lage und das krönende Zikkurat noch nicht genug, führt eine breite Treppenanlage direkt auf die Mitte des Gebäudes zu. Ihren Beginn rahmen unten an der Straße zweigeschossige Wohngebäude mit hohen Walmdächern, die weit konservativer als die Schule wirken, aber mit schräg in die Ecke des zweiten Geschosses gesetzten verglasten Erkern deutlich zu ihr hin weisen.

Mit dieser städtebaulichen Einordnung bekommt die Schule die Funktion einer Taut’schen Stadtkrone. Sie sollte Zentrum und Höhepunkt einer, allerdings nur in Ansätzen errichteten, neuen Stadt sein. Dazu paßt die Zikkuratform, denn Zikkurate waren Mittelpunkte der babylonischen Städte.

Diese Architektur von 1929 ist erstaunlich dadurch, daß sie die Monumentalität, um die ihr offensichtlich zu tun ist, einzig durch die ansteigenden Bauformen und die Lage erreicht. In den Details ist nichts, was diese Monumentalität verstärkt. Es gibt keine unnötig vertikalen Elemente, auch der Eingang ist kaum besonders betont. So sieht man in Elbląg das seltene Beispiel einer Monumentalität, die nicht überwältigt oder einschüchtert, weil sie das nicht will. Von der fortschrittlichsten Architektur ihrer Zeit ist die Schule noch entfernt, die brauchte keine Zikkurate und Stadtkronen mehr, aber sie ist zugleich viel weiter entfernt vom präfaschistischen Backsteinexpressionismus, der sonst in Norddeutschland so stark war. Was für ein wichtiges Werk sie ist, zeigt der Vergleich mit einer anderen Schule in Elbląg aus demselben Jahr, die mit ihrem Backstein, ihren spitzen Giebeln, ihrem ganzen reduzierten Historismus noch aus einem anderen Jahrhundert zu stammen scheint.

Für das Zikkurat von Elbląg gilt ganz wie für seine babylonischen Verwandte : gut, daß es es gibt, und gut, daß wir keine Zikkurate mehr bauen.

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