Ein Drache über Johannelund

Johannelund ist das größte fortschrittliche Wohngebiet von Linköping und das einzige so klar abgegrenzte, daß es als Satellitenstadt bezeichnet werden könnte, als sehr bescheidene Linköpinger Version einer Satellitenstadt allerdings.

Seine Lage ist perfekt gewählt, denn direkt jenseits des Stångån (Stångflusses) und einiger großer Straßen erstreckt sich das weite Fabrikgelände von Saab. In Linköping ist es der dem Flugzeugbau gewidmete Teil dieses Unternehmens, der mit Saab gemeint ist. Damit daran keine Zweifel bleiben, steht auf einem großen Parkplatz beim Haupttor ein Düsenjäger des Typs Saab 35 Draken auf einer schrägen Stange.

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Wie er dort im Aufstieg Richtung Johannelund und darüber hinaus begriffen scheint, ist er ein fast zu schönes Symbol für den schwedischen Wohlfahrtsstaat: dort die sozialen Errungenschaften, hier die Rüstungsindustrie, durch deren Einnahmen sie ermöglicht wurden.

Gleich dem Fabrikgelände ist Johannelund bandartig angelegt. Die Wohngebäude sind zumeist dreigeschossig und zu offenen Höfen angeordnet, vielfältig in den Formen, oft mit Satteldächern. Oft gibt es große Grünflächen und Öffnungen zum Wald. Nur am äußersten Ende gibt es einige siebengeschossige Gebäude, bevor das Wohngebiet in Einfamilienhäuser und gänzlich ländliche Bereiche übergeht. All das wäre bloß langweiligste und typischste schwedische Architektur der fünfziger, sechziger Jahre, die zudem nicht einmal an den Durchschnitt einer größeren Stadt wie Malmö heranreicht, wenn es nicht Johannelund Centrum gäbe. Wie der Name besagt ist es das Zentrum des Wohngebiets und liegt auch recht zentral in diesem.

Schon von weitem ist es an den vier elfgeschossigen Punkthochhäusern, die es bilden, zu erkennen. Deren Grundriß besteht jeweils aus einem längeren Teil, von dem an einem Ende je drei kurze Teile rechtwinklig in verschiedene Richtungen weisen. Die Erdgeschosse sind verglast oder unter den kurzen Teilen ganz in eckige Stützen aufgelöst. Die Fassaden mit verschiedengroßen Fenstern und Balkonen sind an manchen Seiten weiß, während an anderen graue Streifen und olivgrüne Flächen die Geschoßstruktur betonen.

Das obersten Geschoß schließlich ist weit zurückgesetzt und enthält wohl technische Räumlichkeiten. Die vier etwa im Quadrat stehenden Hochhäuser sind verbunden durch zweigeschossige Ladengebäude, die große Glasflächen und braune Verkleidung haben. Vor ihnen verlaufen schmale Vordächer mit einigen dünnen runden Stützen.

So wird erst eine schmale Ladenstraße und dann quer zu dieser ein größerer rechteckiger Platz gebildet.

Daß dies weit weniger schematisch wirkt als es klingen mag, liegt vor allem an den aufgestützten Teilen der Hochhäuser, die auch die Vordächer unterbrechen. Neben einigen Bänken gibt es auf dem Platz eine etwa erhöhte Fläche mit glattem graugesprenkeltem Steinpflaster, in der Beete und ein runder Brunnen sind. Beim Brunnen ragt in die Fläche eine etwa höhere rechteckige weiße Betonstele hinein und auf ihr ist die kleine Bronzeplastik eines Pferds mit Reiter. Die Zierlichkeit dieses Kunstwerks paßt gut zum geradezu intimen Charakter dieses Platzes.

Während in den Erdgeschossen sonst verschiedene Läden, Restaurants und eine Bibliothek sind, wird das Erdgeschoß des größten Gebäudes, das rechts neben dem Beet an der Breitseite des Platzes steht, von einem Supermarkt eingenommen und sein Obergeschoß von Versammlungsräumen. Eine Wendeltreppe aus Beton in einem runden Glasgehäuse und ein aufgestützter Verbindungstrakt erschließen diese Räume und schaffen zugleich eine Verbindung zum ersten Teil des Schulkomplexes.

Er beginnt ebenfalls zweigeschossig, mit Uhr und aufsteigendem Dach, und beendet dann mit einem weiteren aufgestützten Trakt diese Platzseite. Unter ihm ist der Eingang in den großen unregelmäßigen Schulhof, um den Kolonnaden verlaufen.

Die gesamte zweite Schmalseite des Platzes nimmt ein weiterer, etwa dreigeschossiger Teil der Schule ein, in dem unten links der Eingang und dann ein Fensterband sind, während auf der großen weißen Wandfläche darüber wenige Fensteröffnungen wie spielerisch verteilt sind. Da bietet ein rechteckiges Fenster Einblick zu einer Treppe, hinter einem großen vertikalen ist gewiß ein Saal und schmalere horizontale steigen in flachen Stufen an und fallen wieder ab.

Quer angeschlossen, Teil der zweiten Breitseite, steht die Kirche, ein kleiner Bau aus zwei halbrunden Teilen, einer aus weißgetünchtem Backstein, der andere aus rohem Beton.

Ein niedriges Betonmäuerchen gibt ihm seinen eigenen Raum und der seitlich stehende niedrige offene Glockenturm weist eher in die folgende weite Grünfläche hinaus als zum Platz.

Es ist wirklich ein Zentrum, das hier geschaffen wurde, ein wohlgestalteter und charakteristischer Ort, ein Ensemble, wie es die fortschrittliche Architektur zustandebringen kann. Bloß Zentrum von was? Das umgebende Wohngebiet ist wie erwähnt gänzlich banal. Hat Johannelund Centrum alles, was das Zentrum einer kleinen Stadt braucht, so fehlt Johannelund alles Städtische. Ein wenig steht es wie eine Insel oder ein Fels in einer gleichgültigen Umgebung. Johannelund Centrum tut dabei alles, sich dieser Umgebung zu öffnen. Es ist nie abweisend, immer durchlässig. Wie auch die Anlieferbereiche weder versteckt noch vernachlässigt sind und für ihre Vordächer dieselben Stützen wie um die um den Platz benutzen, ist sogar vorbildlich.

Aber auch seine besten Bemühungen helfen nichts, wenn das Wohngebiet auf sie einfach nicht eingehen kann. So weit aufzusteigen, wie es der Draken (Drache) vor Saab zu verkünden schien, vermag Johannelund nicht.

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